Afghanistans Frauenfußball schreibt Geschichte

Von am 3. September 2007 – 11.19 Uhr 1 Kommentar

Birgit Prinz in Kabul„Sport an sich ist in Afghanistan keine Normalität, für Frauen erst recht nicht“, sagt Birgit Prinz, die 2005 als Patin des „Learn-and-Play-Projekts“ des Fußball-Weltverbands FIFA fünf Tage in der Hauptstadt Kabul war und Trainerlizenzen an 36 afghanische Frauen überreichte.

Dabei hat Fußball im Land am Hindukusch eine lange Tradition. Der afghanische Fußballverband wurde 1933 gegründet, seit 1948 ist Afghanistan FIFA-Mitglied. Doch in den vergangenen Jahrzehnten wurde der Fußball immer wieder von politischen Wirren beeinflusst und seine Ausübung unterdrückt.

So war vor sechs Jahren im damals noch vom Taliban-Regime regierten Afghanistan Frauenfußball undenkbar. Frauen waren neben dem Sport auch weitgehend von Bildung, der Arbeit außerhalb der eigenen vier Wände und vielen anderen Bereichen ausgeschlossen und es war nur schwer vorstellbar, dass ein afghanisches Frauenfußball-Team einmal im Ausland antreten würde.

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Doch mit dem Sturz des Taliban-Regimes hat sich der Wind gedreht. Vom 16. bis 24. August nahm eine afghanische Auswahl als Gastteam an der dritten Frauenfußball-Meisterschaft im Nachbarland Pakistan teil. Mit einem Erfolg, den man als vorläufigen Höhepunkt einer gerade erst begonnenen Entwicklung betrachten muss.

16 Teams nahmen an dem Turnier teil und nur wenige hätten dem afghanischen Team vorher zugetraut, bis ins Finale vorzustoßen. Im Halbfinale schlug man Turnierfavorit Baluchistan mit 1:0, die 18-jährige Spielführerin Shamila Kohistani erzielte in der elften Minute den historischen Siegtreffer.

„Lang lebe Afghanistan“, jubelten die Spielerinnen nach dem Erfolg. Stolz wurde die Nationalflagge geschwenkt, die Fans tanzten zu rhythmischen Trommelklängen. Im Finale im Jinnah-Stadion von Islamabad musste man sich dann erst nach hartem Kampf gegen den Lahore Sports Sciences Club mit 0:1 geschlagen geben. Stürmerin Ayesha Akram erzielte in der 26. Minute den Treffer des Tages.

Historisches Finale

„Ich bin stolz auf mein Team und dieses Finale in Pakistan zu spielen war ein historisches Ereignis“, freut sich Kohistani. 18 Spielerinnen zwischen 15 und 18 Jahre alt waren unter der Führung von Trainer Abdul Saboor Walizada nach Pakistan gekommen. Sie wurden bei einem Wettbewerb in Kabul ausgewählt, an dem 17 Schulvereine aus dem ganzen Land teilnahmen.

Auch aus den Provinzen im Norden, Süden und der Mitte kamen die Mädchen zusammen, wenngleich deren Freiheit vor allem in dem von den Taliban dominierten ländlichen Gegenden im Süden immer noch stark eingeschränkt ist. „Wir haben auch gegen das ISAF-Team gespielt“, so die 17-jährige Mittelstürmerin Sajia Saharfarid über ein Fußballspiel gegen die Frauenfußball-Mannschaft der NATO.

Für die afghanische Auswahl war das Preisgeld von 30.000 Pakistanischen Rupien (etwa 360 Euro) zweitrangig. „Wir haben einen Meilenstein erreicht, indem wir das erste afghanische Team waren, das außerhalb des Landes an einem Turnier teilgenommen hat. Präsident Hamid Karzai hat uns vor dem Finale alles Beste gewünscht“, so Kohistani stolz, die vier Turniertreffer erzielte, darunter sogar einen Hattrick. „Es ist gar nicht so wichtig, ob wir gewinnen oder verlieren. Hauptsache, wir sammeln Erfahrungen.“

Wachsende Begeisterung

Durch den tollen Erfolg wird der Frauenfußball im Land einen weiteren Aufschwung erhalten. Inzwischen gibt es 17 Frauenfußball-Teams im Land, mehr als 500 Spielerinnen sind registriert. Eine beachtliche Zahl, bedenkt man, wie konservativ die Struktur der Gesellschaft nach wie vor ist.

„Für die Zukunft meines Landes ist es wichtig, dass Frauen in allen Bereichen des Lebens eine aktive Rolle einnehmen, nicht nur im Sport“, erklärt Kohistani. Die Regierung arbeitet daran, soziale Tabus im Sport, insbesondere im Frauensport, zu brechen, die vom früheren Taliban-Regime durchgesetzt wurden. Mit ersten Erfolgen. Seit 2004 gibt es einen Frauenfußball-Verband, inzwischen üben Frauen unter anderem auch Boxen, Volleyball, Basketball und Taekwondo aus.

„Wir haben Fußballerinnen von internationalem Format und wir hoffen, dass sie sich in Zukunft gut schlagen werden“, so Trainer Walizada. „Am Anfang hatten wir eine Menge Probleme. Die meisten Familien wollten nicht, dass ihre Töchter Fußball spielen. Wir blieben aber in regelmäßigem Kontakt mit ihnen, um sie zu überzeugen, dass daran nichts Schlechtes ist. Nun finden sie es toll, was ihre Töchter tun”, so Walizada.

Mehr Auslandsreisen

In Zukunft will das afghanische Team häufiger zu Auslandsreisen antreten, um Spiele auszutragen. Ein weiterer Schritt zu noch mehr Akzeptanz. Eines der größten Probleme ist die mangelnde Infrastruktur bei den Trainingsstätten. Doch trotz der schwierigen Rahmenbedingungen lässt sich Teammanagerin Halima Sanger den Optimismus nicht nehmen.

„Ich denke, die Zukunft ist rosig. Wenn wir in Afghanistan ähnliche Einrichtungen hätten wie in Pakistan, könnten wir eines der besten Frauenfußball-Teams der Welt werden“, ist sie sich sicher.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

1 Kommentar »

  • Detlef sagt:

    Da kann man den Mädels vom Hindukusch nur alles Gute und viel Erfolg wünschen!!! Fußball, und Sport allgemein, können Aggressionen abbauen, und ein friedlicheres Umfeld schaffen!!!
    Natürlich werden die Universitäten und Hochschulen sicher Vorreiter im FF sein!!! Von dort kann dann die Begeisterung auch in die entlegeneren Gebiete getragen werden!!!

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1 Pingbacks »

  • […] Wenn Klaus Stärk, Trainer und Koordinator der afghanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft, seinen 18 Spielerinnen beim Training zuschaut, geht ihm das Herz auf. Vergessen sind dann alle Mühen, Entbehrungen und Gefahren, die das Aufbauprojekt in Afghanistan zu einem riskanten Unterfangen machen. „Sie geben einem damit alles zurück“, so Stärk über den Willen und die Begeisterung der Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 23 Jahren. […]