WM-Gruppenanalyse: Gruppe C

Von am 30. August 2007 – 9.18 Uhr 5 Kommentare

Heute um 15.55 Uhr (live im ZDF) trifft die deutsche Nationalmannschaft in Mainz auf Norwegen. Anlass für uns, unsere Gruppenanalyse (Gruppe A; Gruppe B) zur WM mit Gruppe C fortzusetzen, in der Norwegen auf Ghana, Australien und Kanada treffen wird.

Eine Konstellation, die für die hoch eingeschätzten Norwegerinnen durchaus ihre Tücken hat. Es ist keine Mannschaft dabei, die an einem guten Tag nicht die Konkurrenten schlagen kann. Denn Ghana und Australien fuhren zuletzt mehr als beachtliche Ergebnisse ein. Und Kanada kann trotz erheblicher Querelen in den letzten Monaten auf einen festen Stamm WM-erfahrener Spielerinnen zurückgreifen, wurde 2003 in den USA Gesamtvierter.

Bloß nicht gleich verlieren

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So verwundert es keinen, dass alle Beteiligten auf die Wichtigkeit eines erfolgreichen Auftaktspiels hinweisen. „Von unserem Start gegen Ghana hängt viel ab. Wir wollen auf keinen Fall ohne Punkte in die Partie gegen Norwegen gehen“, sagt etwa Australiens Spielführerin Cheryl Salisbury. Die 33-Jährige wird in Fernost ihre vierte Weltmeisterschaft bestreiten. Mit Grausen erinnert sie sich an die Vorrundenniederlage vor vier Jahren gegen den diesjährigen Auftaktgegner aus Afrika.

Das soll in diesem Jahr unbedingt vermieden werden, gegen Ghana und Kanada will Salisbury unbedingt punkten. Denn: „Norwegen wird verdammt hart.“ Gelingen soll das mit einer gesunden Mischung aus älteren Spielerinnen wie etwa Salisbury, Torfrau Melissa Barbieri oder Joanne Peters und neuen Kräften wie Sally Shipard oder Collette McCallum. Dabei baut Trainer Tom Sermanni auch auf den Spirit, den die Männermannschaft 2006 bis ins Achtelfinale gegen Italien geführt hat. „Es wäre eine Enttäuschung, wenn wir die Gruppenphase nicht überstehen“, gibt der Schotte ein forsches Ziel aus.

Australien verpasst Olympia-Qualifikation, fährt danach aber Siege am Fließband ein

Forsch, aber nicht zu gewagt. Zwar mussten die „Quantas Matildas“ für den Wechsel des australischen Landesverbands in die asiatische Konföderation bezahlen, als sie auf Grund zweier Niederlagen gegen Nordkorea im Juni die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking verpassten. Doch Salisbury weiß diese Enttäuschung ins Positive zu wenden: „Es ist ein Vorteil, in der asiatischen Konföderation zu spielen. So wird man schon in der Qualifikation richtig gefordert.“ In Ozeanien konnte lediglich Neuseeland einigermaßen mit der Elf von Sermanni mithalten.

Dieser Optimismus findet in den letzten Ergebnissen der Australierinnen reichlich neue Nahrung. Sechs Spiele bestritten sie nach der verpatzten Olympia-Qualifikation. Alle konnten sie für sich entscheiden, letztlich mit einer Tordifferenz von 25:4. Darunter zwei Siege gegen WM-Teilnehmer Neuseeland (3:0 und 1:0) und, noch viel beachtlicher, zuletzt Mitte August zwei Siege gegen WM-Gastgeber China.

Zwei Erfolge gegen China

Erst hieß es 3:2, im 28. Spiel gegen China überhaupt erst der vierte Sieg. Sarah Walsh machte den Triumph perfekt, nachdem Han Duan die 2:0-Führung Australiens zwischenzeitlich ausgeglichen hatte. Noch beachtlicher ist dieser Erfolg, wenn man weiß, dass weder Torfrau Barbieri, noch Peters oder Salisbury in der Startelf standen. Drei Tage später waren sie wieder dabei, als die Sermanni-Truppe vor 52.000 Zuschauern in Tianjin ein 3:1 nachlegte, obwohl der Coach auf einigen Positionen umstellen musste. „Da hat sich die Breite des Kaders gezeigt. Ich bin sehr zufrieden mit den Fortschritten, die meine Mannschaft in der Vorbereitung macht“, so Sermanni.

„Gute Vorbereitung“ – diese zwei Wörter in einem Atemzug in den Mund zu nehmen, würde sich bei den Kanadierinnen wohl niemand ernsthaft trauen. Viel holpriger können die Monate vor dem sportlichen Höhepunkt des Jahres auf und neben dem Platz kaum verlaufen.

Chaotische Vorbereitung in Kanada

Neben dem Platz zog sich über den gesamten Winter bis Juni diesen Jahres ein Rechtsstreit zwischen Trainer Even Pellerud, dem kanadischen Verband und den drei – jetzt ehemaligen – Nationalspielerinnen Charmaine Hooper, Christine Latham und Sharolta Nonen hin, der zumindest für die Amtszeit Pelleruds zur Folge haben wird, dass die drei genannten Spielerinnen das kanadische Trikot nicht mehr überstreifen (wollen). Das lässt keine Mannschaft kalt.

Trotzdem verlief der Peace Queen Cup mit Siegen gegen Italien (3:2), Südkorea (3:1) und Brasilien (4:2) im Herbst noch ganz zur Zufriedenheit von Trainer Pellerud, der bei der WM im Auftaktmach mit Norwegen nicht nur auf sein Heimatland, sondern auch auf den Gegner trifft, mit dem er 1995 Weltmeister und 1991 Vize-Weltmeister wurde. „Norwegen ist der Favorit. Aber wir haben gute Chancen auf Platz zwei“, so Pellerud. Dabei baut er vor allem die Ausgeglichenheit und Erfahrenheit seines Kaders.

Nach Panamerikanischen Spielen viel Arbeit für Even Pellerud

Aber gute Chancen? Wirklich? Zumindest nach den Panamerikanischen Spielen im Juli sind berechtigte Zweifel an der Stärke der Kanadierinnen angebracht, die seit einem Jahr kein Heimspiel mehr bestritten haben. Wegen Finanzknappheit, sagt der Verband. „Wir haben das Gefühl, die Männer-Nationalmannschaft wird auf unsere Kosten unterstützt“, sagt Kapitänin Christine Sinclair.

Mehr als enttäuschend verliefen die Panamerikanischen Spiele für die „Big Reds“. Ein 0:7 in der Vorrunde gegen Brasilien und eine 1:2-Halbfinalniederlage gegen die U20 (!) der USA ließen den letzten großen Härtetest vor der WM fast schon zu einem Fiasko werden. Regelrecht vorgeführt wurden die Kanadierinnen dabei gegen Brasilien – die Abwehr war heillos überfordert gegen die quirligen Angreiferinnen wie Marta oder Cristiane. Nach vorne lief fast nichts, fehlte der Ideenreichtum und fehlte die Offenheit eines all zu starren Systems, das in Kanada so manchen Fan zur Weißglut treibt. Für ein Weiterkommen in China ist eine deutliche Steigerung nötig.

Ghana kratzt an der Vormachtstellung Nigerias

Eine Steigerung, die beim zweiten afrikanischen Teilnehmer neben Nigeria, bei Ghana, in den letzten Jahren unübersehbar war. Ghana, das ist nicht mehr nur Adjoa Bayor. Bayor, 2003 zu Afrikas Spielerin des Jahres gewählt, war lange Zeit das Aushängeschild des ghanaischen Frauenfußballs. Sie spielte in den USA beim FC Indiana, ist aber längst nicht mehr die einzige, die ihre Fußballstiefel außerhalb Afrikas schnürt.

In den USA spielen gleich noch vier weitere Spielerinnen, nämlich Torfrau Fati Mohammed, die Abwehrspielerinnen Mavis Danso sowie Patricia Ofori und Mittelfeldspielerin Belinda Kanda. Sie bringen die nötige internationale Erfahrung mit und sollen der Verspieltheit, die sich bei der Mannschaft von Trainer Isaac Paha hin und wieder einschleicht, Einhalt gebieten. Denn bei einer Gruppe, die so umkämpft ist, wie es von dieser zu erwarten ist, können Kleinigkeiten den Ausschlag geben.

Olympia in greifbarer Nähe für Issac Paha und sein Team

Dass ihr Fußball nicht nur schön anzuschauen, sondern auch erfolgreich ist, haben sie im August gleich zwei Mal bewiesen. Bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 gelangen ihnen gleich zwei bedeutende Siege nacheinander. Erst schlugen sie Nigeria, immer als das afrikanische Frauenfußball-Land Nummer eins geltend, ohne Uwak und Nkwocha mit 1:0. Nach einer Ankündigung Bayors übrigens, die sich gewaschen hatte: „In diesem Spiel wird sich zeigen, wer die Nummer eins in Afrika ist“.

Zumindest in der afrikanischen Olympia-Qualifikation sind das derzeit die „Black Queens“ aus Ghana. Noch ohne Punktverlust führen sie die Gruppe der letzten Drei – nachdem Äthiopien zurückzog – an, was für Nigeria den Gang in die Play-Offs gegen den Zweiten der CONMEBOL, Brasilien, bedeuten könnte. Denn auch zwei Wochen später gaben sich die Frauen von Isaac Paha beim 1:0 gegen Südafrika keine Blöße. Der viel umjubelte Teenie-Star Anita Amankwah erzielte das wichtige Siegtor.

Nicht wenig also, was Norwegens Konkurrenten aufbieten können. Die Mannschaft von Bjarne Berntsen, die durch ihr niedriges Durchschnittsalter auffällt – die erfahrenste Kraft ist Torfrau Bente Nordby -, muss sich vorsehen, denn an einem etwas schlechteren Tag werden alle Gegner in der Lage sein, daraus Kapital zu schlagen.

Kaum Testspiele bei Norwegen

Dennoch geht der Vize-Europameister als klarer Favorit in diese Gruppe. Die EM-Qualifikation absolvierten die Norwegerinnen bislang problemlos, doch das letzte Länderspiel vor dem heutigen gegen Deutschland liegt schon anderthalb Monate zurück. Am 14. Juli unterlagen sie in Hartford den USA mit 0:1. Darauf folgten seitdem nur noch Trainingslager, bis hin zu einem Kurzausflug in die Welt des Handballs. Norwegens Erfolgstrainerin Marit Breivik gab der Berntsen-Truppe jüngst eine exklusive Trainingseinheit.

Zwei Ziele verfolgt der Coach des Weltranglistenvierten in China. Das ist einmal, wie bei allen anderen europäischen Teams auch, die Olympia-Qualifikation, wozu man zu den drei besten europäischen Teams gehören muss. Und eine Medaille. Wenn die Norwegerinnen ausreichend an ihrem großen Manko, der Abschlussschwäche, gearbeitet haben, ist nichts unmöglich. Dann könnte diese Medaille durchaus auch golden glänzen.

Heute gegen Deutschland

Interessante Aufschlüsse über die derzeitite Form sollte auf jeden Fall die heutige Partie geben. Zwar wird sich keine Spielerin verletzen wollen, doch für beide Seiten ist es der letzte Test vor dem ersten WM-Spiel. Zwei Kandidaten auf den WM-Titel stehen sich gegenüber. Es ist angerichtet. Lasst das Spiel beginnen.

Mein Tipp für Gruppe C:

1. Norwegen
2. Australien
3. Ghana
4. Kanada

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5 Kommentare »

  • Susanne sagt:

    Ich würde Kanada nicht unterschätzen. Der Rechtsstreit ist schon eine Weile her. Vor der WM schlechte Ergebnisse zu haben, kann einem ja auch die Augen öffnen. Wie es grad bei der deutschen Mannschaft passiert…

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  • Detlef sagt:

    @Susanne,
    Wenn ich mal Frau Neid zitieren darf, (zumindest sagte es der Kommentator so) „Die eigenen Schwächen erkennen, heißt noch lange nicht, dass man dafür auch eine richtige Lösung hat!!!“
    Es gibt sicher nicht viele Dinge, worin ich mit ihr übereinstimme!!!
    ABER:
    Damit hat sie ja so recht!!!

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  • Christian sagt:

    „In Schweden sind schon seit mehreren Jahren Cynthia Uwak, Perpetua Nkwocha und Faith Ikidi aktiv. Sie bringen die nötige Erfahrung mit und sollen der Verspieltheit, die sich bei der Mannschaft von Trainer Isaac Paha hin und wieder einschleicht, Einhalt gebieten. Denn bei einer Gruppe, die so umkämpft ist, wie es von dieser zu erwarten ist, können Kleinigkeiten den Ausschlag geben.“

    Dieser Absatz ist etwas irreführend, handelt es sich doch bei den eingangs genannten drei Spielerinnen nicht um Aktive Ghanas sondern um Spielerinnen aus Nigeria!

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  • @ Christian

    Vielen Dank für den Hinweis.

    Diese Passage war nicht irreführend, sondern falsch. Schließlich hatte ich die drei betreffenden Spielerinnen ebenso wie Maureen Mmadu bereits bei meiner Analyse zu Gruppe B erwähnt.

    Bei Ghana handelt es sich selbstverständlich um Torfrau Fati Mohammed, die Abwehrspielerinnen Mavis Danso sowie Patricia Ofori und Mittelfeldspielerin Belinda Kanda, die im Ausland (USA) Erfahrungen gesammelt haben. Das war durcheinander geraten und ist jetzt korrigiert.

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  • Rainer sagt:

    Und noch eine winzige Korrektur. Mmadu, Ikidi und Uwak spielen schon länger in der Damallsvenskan, aber Perpetua Nkwocha kam erst inmitten der laufenden Saison vom chinesischen Team Tianjin nach Schweden zu Sunnanå SK.
    Wie man hört, wird es mit ihr aber voraussichtlich eine Vertragsverlängerung für 2008 geben.

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