Lotta Schelin, vom Problemfall zur Hoffnungsträgerin

Von am 21. August 2007 – 9.51 Uhr 2 Kommentare

schelin_game.jpg„Du hast den Rücken einer 30-Jährigen“ – mit dieser niederschmetternden Diagnose sah sich Lotta Schelin als 15-Jährige konfrontiert. Der Traum von der großen internationalen Karriere im Frauenfußball schien zu platzen. Ein Bein war zu lang, die Wirbelsäule krumm, ihr Körper kämpfte mit dem zu schnellen Wachstum.

Ein halbes Jahr lang trieb sie keinen Sport, mit dem Fußball spielen setzte sie sogar ein ganzes Jahr aus. Dann begann sie systematisch die Muskeln in ihrem Körper aufzubauen. Mit Erfolg.

Seit mehreren Jahren ist Schelin nun schmerzfrei, heute ist Schwedens Fußballerin des Jahres 2006 die große Hoffnungsträgerin für die Frauenfußball-Weltmeisterschaft in China in der von Verletzungen geplagten schwedischen Nationalmannschaft.

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„Mein Körper war damals einfach nicht in der Balance“, erinnert sie sich gegenüber Womensoccer.de an die schwere Zeit. „Ich habe nach dem Jahr Pause angefangen, vor allem meine Rücken- und Bauchmuskulatur aufzubauen. Seitdem hatte ich nur noch Kleinigkeiten, nichts Gravierendes mehr.“

Start im Alter von sechs Jahren

Dabei wirkt die lustige und stets gut gelaunte 23-Jährige auf den ersten Blick nicht unbedingt wie eine, die gelernt hat, zu kämpfen. Im Alter von sechs Jahren begann Charlotta Eva, so ihr richtiger Vorname, bei Kållereds SK mit dem Fußball spielen, zusammen mit ihrer Schwester Camilla, die bei Kopparbergs/Göteborg noch heute ihre Teamkollegin ist.

Mit 17 debütierte sie bei Landvetter FC in der schwedischen Meisterschaft Damallsvenskan, in der Nationalmannschaft kam sie beim Algarve Cup 2004 erstmals zum Einsatz. Bei den Olympischen Spielen in Athen war sie das Nesthäkchen im Team. „Am Anfang war ich ja nur Ergänzungsspielerin, aber seit etwa zwei Jahren gehöre ich nun zum Stamm. Ich bin schon zufrieden, mit dem, was ich erreicht habe. Seit 2004 ist es kontinuierlich bergauf gegangen.“

schelin_diamantbollen.jpgJahr voller Höhepunkte

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Das Jahr 2006 war der bisherige Karrierehöhepunkt. Beste Torschützin, beste Spielerin, beste Stürmerin – gleich drei Auszeichnungen räumte Schelin in Schweden bei der Wahl zur Fußballerin des Jahres ab.

„Ich hatte wirklich ein erstaunliches Jahr und ich konnte das lange gar nicht greifen. Alle die Auszeichnungen, die ich bekommen habe, dazu die Nominierung bei der Wahl zur Weltfußballerin. Dann noch im April 2007 das Spiel der Weltauswahl in Wuhan, bei dem man so viele tolle Spielerinnen treffen konnte. Das war schon ein fantastisches Gefühl, denn ich bin ja gerade erst einmal 23. Das hat mir noch einmal zusätzliches Selbstvertrauen gegeben.“

USA als Gradmesser

Jetzt ist der Blick bereits fest Richtung Frauenfußball-Weltmeisterschaft gerichtet. „Wir haben eine sehr gute Mannschaft, aber man kann sich noch in vielen Bereichen verbessern, persönlich und als Team. Das merkt man etwa in Spielen gegen die USA. Dieses Level muss unser Gradmesser sein.“

Schelin erwartet ein hartes Turnier. „Dort werden so viele gute Mannschaften sein. Jeder sagt, unsere Gruppe sei so schwer, aber ich halte die anderen Gruppen nicht für einfacher. Es wird ganz eng zu gehen.“

Unattraktive WM-Spiele?

Deswegen befürchtet sie, dass die Spiele möglicherweise weniger attraktiv zum Anschauen sein werden. „Jedes Team weiß, dass schon ein einziger Fehler entscheidend sein kann. Alle werden athletisch und technisch in Topform das Turnier antreten. Und ein bisschen Glück wird auch dazu gehören.“

Und was ist ihre ganz persönliche Erfolgsformel? „Man muss heute 90 Minuten konzentriert und fokussiert bleiben, sonst gewinnt man kein Spiel.“ Vor der WM trainierte sie noch einmal verstärkt Torschüsse und Direktabnahmen. „Ich bin guter Dinge, dass ich zur WM meine Topleistung abrufen kann.“

In der Damallsvenskan liegt sie nach 18 von 22 Spieltagen mit 21 Treffern an der Spitze der Torschützinnenliste. Mit zwei Toren Vorsprung auf Marta von Umeå IK. Doch kann sie dem Erwartungsdruck bei der Weltmeisterschaft gerecht werden? In der Nationalmannschaft hat sie ihre Treffsicherheit bisher nicht so häufig unter Beweis stellen können, auch weil sie nicht immer als Stürmerin eingesetzt wurde. In 41 Länderspielen erzielte sie neun Tore, in diesem Jahr in acht Länderspielen zwei. Nicht gerade eine Furcht einflößende Bilanz.

K.-o.-Runde als erstes Ziel

Noch will sie nicht zu weit nach vorne blicken. „Wir müssen erst einmal die Gruppenphase überstehen, dann werden wir uns neue Ziele setzen. Die Qualifikation für Olympia wäre sicherlich eine schöne Sache, aber wir nehmen es von Spiel zu Spiel.“

In China will die schlaksige, 1,79 Meter große Stürmerin ihre Stärken Gewinn bringend einsetzen, ihre ausgezeichnete Technik gepaart mit ihrer Schnelligkeit. „Normalerweise mache ich viel über meine Schnelligkeit. Deswegen tue ich mich auch gegen schnelle Verteidigerinnen am schwersten.“ Ihre 100-Meter-Bestzeit? „Keine Ahnung, aber das wäre einmal interessant zu wissen.“

schelin_close.jpgDer psychologische Faktor

Im Frauenfußball wird zukünftig der psychologische Aspekt eine immer größere Rolle spielen, glaubt Schelin. „Das kann man jetzt schon in den Spielen der schwedischen Liga merken. Da passieren auf dem Rasen eine ganze Menge psychologischer Dinge. Das hat mich schon überrascht. Ich mag das auch nicht besonders, aber man wird sich möglicherweise darauf einstellen müssen.“

Vor allem die Rückendeckung der Familie ist ihr wichtig. „Ich komme schon alleine klar, aber es ist gut zu wissen, dass sie da sind, wenn ich sie brauche. Wenn man verletzt ist oder es einem mal nicht so gut geht, das geht wohl jeder Spielerin so.“

In ihrer Freizeit fährt sie im Winter gerne Snowboard und beschäftigt sich viel mit Kleidung und Schmuck. Überrascht hat uns ihr Zungenpiercing deshalb nicht. Vor einem Fußballspiel hat sie es bisher erst einmal entfernen müssen. „Ich sollte das wohl immer machen, aber ich tue es nicht. Man sieht es ja nicht so einfach (lacht).“

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • Rainer sagt:

    Vielen Dank für das tolle Portrait über Lotta! Sie ist in der Tat erstaunlich gereift und machte in den Spielen, in denen ich sie gesehen habe, einen ungeheuer souveränen Eindruck. Dabei überzeugen nicht nur ihr technisches Talent und ihre Torgefährlichkeit, sondern auch eine Spielübersicht, die ihresgleichen sucht.
    Lotta ist sehr schnell, aber es gibt eine andere schwedische Stürmerin, die noch einen Tick schneller ist und das ist Sara Johansson von Hammarby. In einem 100 Meterlauf würde ich auf einen Einlauf Marta vor Sara Johansson und Lotta Schelin tippen.
    gerade mit Lotta und Sara könnten die Schwedinnen zwei Sprinterinnen aufbieten, die auf den Flügeln für Wirbel sorgen. Nach dem Ausfall von Jossan Öqvist rechnet man gemeinhin damit, dass Johansson zumindest einen „Stammplatz“ als Joker bekommen wird. Sie hat in den letzten Spielen für Hammarby eine sehr gute Form gezeigt und könnte sicher so manche linke Verteidigungsflanke in Verlegenheit bringen.

    Ansonsten ist in Schweden das Wechselspiel im vollsten Gange. Pavlina Scasna wurde von vielen Vereinen umworben und wird KIF Örebro verlassen und zu einem noch nicht genannten schwedischen Konkurrenten wechseln (Favorit: Umeå).
    Sogar Victoria Svensson, nach zehn jahren bei Älvsjö und Djurgården/Älvsjö wird gejagt und zwar von Linköping. Gegenüber der Zeitung Punkt.se sagte Victoria, dass sie sich am Wochenende mit Vertretern von Linköping getroffen habe und dass man ihr ein sehr attraktives Angebot in einer hochprofessionellen Umgebung gemacht habe und sie ihre Entscheidung nach oder während der WM treffen werde.

    In Sachen Marta wird jetzt Ende August verhandelt, wenn Martas brasilianischer Agent mit der Nationalelf nach Umeå kommt. Der 21-Jährigen liegen laut Auskunft von UIK Angebote aus Schweden, anderen europäischen Ländern, den USA und Russland vor.

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  • Detlef sagt:

    Da werde ich immer neugieriger auf Lotta!!!
    Falls unser Team im Viertelfinale auf Schweden treffen sollte, wäre dann wahrscheinlich SONJA die geeignetste Gegenspielerin auf Links!!!
    Sie ist sehr schnell, und lässt sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen!!! Falls Lotta über Rechts kommen sollte, ist mit Stege ebenfalls nicht die langsamste zur Stelle!!! Allerdings sollte sie dann ihre „HARAKIRI-Aktionen“ unterlassen!!!
    Im Gegensatz zu den Schwedinnen, können die deutschen Kickerinnen nicht auf die Schnellsten der Bundesliga zurückgreifen!!! Beide sind nicht nominiert!!!

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