Sissy Raith: „Wir verfolgen eine andere Philosophie“

Von am 20. August 2007 – 12.56 Uhr 2 Kommentare

raith_bayern_ffc_190807.jpg2:5 verloren, doch viele Sympathien gewonnen: Trotz der Niederlage bei Meister 1. FFC Frankfurt dürfen sich Bayern München und Trainerin Sissy Raith zu den moralischen Gewinnern des ersten Bundesligaspieltags zählen. Denn wer vorher gedacht hatte, die Bayern würden vom scheinbar übermächtigen Gegner überrollt werden, sah sich getäuscht.

Ganz im Gegenteil: Mit einem gepflegten Spielaufbau gepaart mit einer mutigen, erfrischenden Spielweise brachte man den Branchenprimus phasenweise gehörig ins Schwitzen und die Zuschauer zum Staunen. Vor allem die jungen Bayern-Spielerinnen wussten zu gefallen.

Im Interview mit Womensoccer.de spricht die bayerische Erfolgstrainerin über die Leistung in Frankfurt, die Ziele für die Saison, junge Talente und die ganz spezielle Bayern-Philosophie.

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Frau Raith, Sie haben nach dem Spiel noch auf dem Rasen eine Ansprache an ihre komplette Mannschaft gehalten. Was haben Sie ihren Spielerinnen gesagt?

Ich habe ihnen gesagt, dass sie erhobenen Hauptes nach Hause fahren können und sich nicht verstecken müssen. Dass wir uns zum Zeitpunkt des Ausgleichs das 2:2 verdient hatten, und es keine Zufallstreffer waren.

Sie sind also gar nicht unzufrieden?

Natürlich ist diese Niederlage ärgerlich und die fünf Gegentore trüben ein wenig den Gesamteindruck, da sie den Spielverlauf insbesondere der zweiten Halbzeit nicht widerspiegeln. Aber unabhängig davon ist Bayern München eine Mannschaft mit viel Potenzial, das sie noch gar nicht richtig ausgeschöpft hat. Für uns war wichtig, dass wir uns hier gut präsentieren. Wir haben uns hier noch nie versteckt und wir wollten den Zuschauern ein attraktives Spiel bieten. Meine junge Mannschaft hat bei ihrer Aufholjagd unglaublich Moral bewiesen, aber wir haben leider versäumt, das dritte Tor zu machen. Dann wäre Frankfurt möglicherweise gestolpert.

Warum ist denn dieses dritte Tor nicht gefallen?

Vielleicht waren wir ein bisschen überrascht, dass wir überhaupt in die Reichweite eines Siegs gegen Frankfurt gekommen sind. Das war schon eine außergewöhnliche Situation, dass wir einen Rückstand von zwei Toren wett gemacht haben, das erlebt man nicht alle Tage. Und dann ist man vielleicht auch als Spielerin, die 150 Bundesligaspiele oder 40, 50 Länderspiele bestritten hat, nicht mehr abgezockt genug. Wenn man dann das dritte Tor nicht macht, das völlig verdient gewesen wäre, lassen irgendwann die Kräfte und auch die Konzentration nach. Dann kommen die Pässe nicht mehr und das Umschalten von Abwehr auf Angriff dauert zu lange.

Die frühe Auswechslung von Julia Simic kam ein wenig überraschend.

Julia ist eine Klassespielerin, die technisch mit allem ausgestattet ist, was eine hervorragende Bundesligaspielerin braucht. Heute konnte sie der Mannschaft aber nicht die Impulse geben, die ich mir von der 10er-Position erwarte. Aber das kann nächste Woche schon wieder ganz anders sein. Bei ihr es noch eine Berg-und-Tal-Fahrt. Die Saison ist aber noch lang, und sie wird ihre Einsätze bekommen, denn wir werden wie in der vergangenen Saison wieder ein kleines Rotationssystem praktizieren. Sie muss fleißig an sich und ihrem Talent arbeiten, wir führen viele Gespräche. Sie muss mehr Zweikämpfe gewinnen, auch einmal zum Tor ziehen, Tore schießen und auch Bälle zurückerobern, die sie verloren hat.

Ihr Team hat in Frankfurt nicht nur dagegen gehalten, sondern phasenweise sogar überlegen agiert. Ist das eine neue Qualität?

Das würde ich schon so sehen. Ich denke nicht, dass Frankfurt bewusst einen Gang zurückgeschaltet hat, sondern wir haben noch einmal einen zugelegt. Welcher Mannschaft ist es denn schon mal gelungen, Frankfurt auswärts unter Druck zu setzen? Das sind die Frankfurter Spielerinnen gar nicht gewohnt. Wir sind heute teilweise über unsere Leistungsgrenze gegangen. Aber zum Schluss hat Frankfurt noch einmal alle Trümpfe herausgeholt, da kann ich meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen.

Wohin soll der Weg Bayern Münchens in dieser Saison führen?

Wir werden uns steigern müssen. Wir müssen die Leistung innerhalb eines Spieles und auch von Sonntag zu Sonntag stabilisieren, 30 starke Minuten reichen nicht. Wir haben gezeigt, dass wir nicht nur mithalten, sondern uns mit den Besten messen und eine Mannschaft wie Frankfurt ärgern können. Wir haben bewiesen, dass wir eine starke Mannschaft haben, sowohl individuell wie auch als Team. Jede Einzelne muss gierig danach sein, immer noch ein bisschen mehr zu geben. Wir müssen auch mal fünf, sechs, sieben gute Spiele in Serie hinlegen, nicht nur eines oder zwei. Insgesamt müssen wir mehr dieser guten Leistungen bringen.

banecki_2_fcb_ffc_190807.jpgKritiker fragen sich, warum Bayern München nicht mehr Geld in den Frauenfußball investiert.

Wir verfolgen eine andere Philosophie, und damit fahren wir richtig gut. Wir holen uns die besten jungen Spielerinnen nach München, insbesondere aus Bayern wie Katharina Baunach, aber auch überregional, wie die beiden Baneckis aus Berlin. Sie werden hier integriert und bekommen Spielpraxis. Wenn man die Spielminuten einer Steffi Mirlach, Katharina Baunach und auch der Baneckis in der vergangenen Saison betrachtet, dann ist das ein Indiz dafür, dass wir mit jungen Spielerinnen arbeiten und planen und auch weiterhin diese Philosophie verfolgen wollen.

Es erleichtert mir die Aufgabe, dass ich bei Bayern ohne Druck arbeiten kann. Wir haben unser festes Budget, das uns sicher ist, egal ob wir Erster oder Vierter werden. Von mir wird kein Titel erwartet, nicht so wie in Frankfurt, wo man jetzt das Triple als Ziel ausgegeben hat.

Wie wichtig ist im Zuge dessen die 2. Mannschaft?

Wir haben zur 2. Mannschaft und auch zur U-17 ein außergewöhnlich gutes Verhältnis. Die Zusammenarbeit unter den Trainern ist super, die Akzeptanz ist hoch. Keine Spielerin mosert, wenn sie mal in der 2. Mannschaft antreten muss, weil sie etwa Verletzungsrückstand hat oder ich nun mal nicht mehr als 16 Spielerinnen mitnehmen kann. Unsere Spielerinnen spielen auch gerne in der 2. Mannschaft, weil es eine Supertruppe ist und sie auch in Wolf Wild einen Klassetrainer hat.

Auch die Zusammenarbeit mit Roswitha Bindl funktioniert reibungslos, Steffi Mirlach entspringt ja der U-17. Es gibt weitere junge, gute bis sehr gute Spielerinnen. Es wundert mich immer, dass das dem DFB noch nicht aufgefallen ist. Gegen Crailsheim habe ich am Ende der letzten Saison z. B. einmal Ramona Werner in der Innenverteidigung eingesetzt. Sie hat eine Superleistung gezeigt, und sie könnte es nach Mirlach als nächste schaffen, wir werden sie nach und nach einbauen.

Sportlich geht es bergauf, doch die Zuschauerzahl bei Heimspielen lässt in Aschheim noch zu wünschen übrig.

Im Dantestadion in München oder in Schäftlarn hatten wir in der Vergangenheit auch nicht mehr Zuschauer. Wir fühlen uns pudelwohl in Aschheim und haben eine echte Heimat gefunden. Aber es gibt immer etwas zu verbessern.

Zum Beispiel die öffentliche Verkehrsanbindung?

Wir werden mit Aschheims Bürgermeister Engelmann Gespräche führen müssen, dass die öffentliche Verkehrsanbindung besser wird. Wir brauchen einen Bus, der die Zuschauer an Spieltagen in den Sportpark befördert. Es gibt aber auch noch andere Gründe, dass nicht mehr Zuschauer kommen. Das Sport- und Freizeitangebot ist in München sehr hoch. Nicht nur wir haben damit zu kämpfen. Die Zeiten haben sich geändert, neue Sportarten sind hinzu gekommen und die Menschen finden wieder den Weg in die Natur, wir haben hier ja die Berge und Seen vor der Haustür.

raith_spielerin.jpgDFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger setzt sich stark für den Frauenfußball ein und sagt, es müssten mehr Idole aufgebaut werden. Er sagt aber nicht, wie das funktionieren soll. Haben Sie eine Idee?

Man sollte auch den jungen und eher unbekannten Spielerinnen einmal die Chance geben, sich vor der Kamera zu präsentieren. Und nicht immer nur zu einer Birgit Prinz gehen, sondern auch zu einer Nachwuchsspielerin. Die sind heute selbstbewusst und können sich gut verkaufen.

Beim Hallenpokal in Bonn ist die gesamte Elite des Frauenfußballs auf einem Fleck, aber in der Berichterstattung hört man immer nur von Frankfurt. Von meinen Spielerinnen wurde noch nie eine zum Interview auf das Podest gerufen. Im Fernsehen wurde dann auch noch Silva Lone Saländer mit Shelley Thompson verwechselt. So etwas geht gar nicht.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • Traumfee99 sagt:

    Ich finde dass es Sissy Raith und Ihre Mannschaft sehr gut gemacht hat. Nur leider war ich mit einigen Schiedsrichterentscheidungen überhaupt nicht einverstanden, denn das Tor das nicht gezählt hat, war eindeutig ein Tor… aber was der Schiri pfeifft das ist Gebot. Außerdem hat mir mal gefallen, das unsere Bundestrainerin auch mal die Bayern-Damen gesehen hat, bisher hat sie es ja leider nicht bis München geschafft !

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  • Astrid sagt:

    Bin deiner Meinung… finde auch das die Mannschaft gut gespielt hat 🙂

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