WM-Gruppenanalyse: Gruppe B

Von am 17. August 2007 – 6.15 Uhr 4 Kommentare

Carli LloydIn Teil 2 unserer WM-Gruppenanalyse (Teil 1) widmen wir uns heute Gruppe B, in der WM-Topfavorit USA (im Bild: Carli Lloyd), Vizeweltmeister Schweden, Afrikameister Nigeria und das aufstrebende Team im asiatischen Frauenfußball, Nordkorea, um zwei Plätze für das Viertelfinale streiten. Vertreten sind damit der Erste der Weltrangliste (USA), der Dritte (Schweden) und der Fünfte (Nordkorea). Eine Konstellation, die den Schwedinnen nach den herben Rückschlägen der letzten Wochen, in denen gleich drei fest eingeplante Spielerinnen ihren verletzungsbedingten Verzicht erklären musste, den Angstschweiß auf die Stirn treiben dürfte.

Großes Verletzungspech beim Vizeweltmeister

Nachdem die „Tre Kronors“ zu Beginn des Jahres den Kreuzbandriss von Torfrau Hedvig Lindahl und das Karriereende der langjährigen Spielführerin Malin Moström verkraften mussten, reiht sich nun seit einigen Wochen eine Verletzung an die nächste. Erst riss sich Josefine Öqvist das Kreuzband, dann zog sich Torfrau Caroline Jönsson einen Monat später die selbe Verletzung zu wie Monate zuvor Kollegin Lindahl. Lindahl feierte zwar bereits ihr Comeback, doch die Spielpraxis gegen starke Gegner fehlt ihr noch.

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Zu allem Überfluss steht auch hinter dem Einsatz und der körperlichen Verfassung von Top-Stürmerin Hanna Ljungberg, mal wieder vor einem Highlight, ein großes Fragezeichen.

Die Vorbereitungsspiele der Schwedinnen haben nur begrenzte Aussagekraft. Zuletzt gab es Siege gegen Rumänien, Italien und Ungarn – alles keine Hochkaräter mit WM-Niveau. Da in der schwedischen Liga noch bis zum 19. August Spiele stattfinden, gestaltete sich die gemeinsame Vorbereitung schwierig. Umso wichtiger sollte dann am 30. August der letzte Test gegen Dänemark werden. Hoffentlich ohne weitere Verletzte.

Der Einzug ins Viertelfinale sollte für die USA ein Selbstläufer sein

Probleme, an die der WM-Favorit Nr. 1 aus den USA keine Gedanken verschwenden muss. Zwar laboriert Mittelfeldstrategin Aly Wagner noch an einer Schulterverletzung, doch sonst sind alle Spielerinnen fit. Nach 45 Spielen ohne Niederlage unter der Ägide von Trainer Greg Ryan ist das Selbstvertrauen ins Unermessliche gewachsen, doch auch die Erfahrung sollte gegeben sein, um daraus keine Arroganz entstehen zu lassen. 12 der 21 Spielerinnen bestreiten ihre erste WM, für etablierte Kräfte wie Kristine Lilly und Briana Scurry wird es die fünfte bzw. vierte WM. Da passt die Mischung.

Passend waren auch die Testspielergebnisse diesen Jahres. Gleich gegen neun WM-Teilnehmer trat der Weltranglistenerste an, und wies sie reihenweise in die Schranken. Gegen WM-Mitfavoriten wie Norwegen (1:0), Deutschland (0:0), Schweden (3:2) oder Brasilien (2:0), Gastgeber China (2:0 und 2:1) und Neuseeland (6:1) gab es insgesamt acht Siege und zwei Unentschieden. Die starke Offensive um Rekordnationalspielerin Kristine Lilly und Goalgetterin Abby Wambach ist gefürchtet, einzig die Abwehr gilt als kleiner Schwachpunkt. Dennoch wird am Einzug der USA ins WM-Viertelfinale kein Weg vorbei führen.

Nordkorea als große Unbekannte

An den USA sollten sich die Schwedinnen nicht messen lassen, ihr Augenmerk muss Nigeria und Nordkorea gelten. Wie auch Japan (siehe Analyse 1) gelang der Truppe um Top-Stürmerin Ri Kum Suk bereits die vorzeitige Olympia-Qualifikation. Sowohl Bundestrainerin Silvia Neid als auch die norwegische Nationalspielerin Ingvild Stensland zählen die Asiatinnen zum engeren Favoritenkreis.

Doch was kann für einen überhaupt die Grundlage bilden, das Potenzial und die Form der Nordkoreanerinnen einzuschätzen? Siege wie das 6:0 gegen Taiwan und das 19:0 gegen Hongkong sicherlich nicht. Eher schon die beiden 2:0-Siege gegen Australien im Rahmen der Olympia-Qualifikation. Australien, das erst seit kurzem der asiatischen Konföderation angehört, muss damit bei Olympia in Peking zuschauen. Oder die 0:1-Niederlage im Halbfinale der Asien-Meisterschaft 2006 gegen China und den 3:2-Sieg gegen Japan im Spiel um Platz drei.

Doch weitere Vergleiche mit WM-Teilnehmern in diesem Jahr fehlen, Nordkorea ist daher die große Unbekannte bei dieser WM. Zu was der nordkoreanische Frauenfußball aber schon fähig ist, zeigte im letzten Jahr die U20-Weltmeisterschaft in Russland. Damals gewannen die Asiatinnen wie Phönix aus der Asche die Welttitelkämpfe und ließen auch Titelverteidiger Deutschland beim 2:0 in der Vorrunde mächtig alt aussehen. Einige der Spielerinnen, die in Russland dabei waren, dürften auch nach China fahren. Doch wie ist es um ihre Wettbewerbsfähigkeit gegen die Top-Teams des Weltfußballs bestellt? Wir warten gespannt, was die Wundertüte zu bieten hat.

Nigeria mit Licht und Schatten in der Vorbereitung

Ein weiterer WM-Dauerteilnehmer ist Afrikameister Nigeria. Die „Super Falcons“ bestechen durch ihre brillante Technik und haben in Cynthia Uwak, Maureen Mmadu, Faith Ikidi und Perpetua Nkwocha vier Spielerinnen in ihren Reihen, die in der schwedischen Liga Erfahrungen gesammelt haben und dort auch noch aktiv sind. Zuletzt gewannen die Nigerianerinnen die All African Games in Algier und fuhren überzeugenden Siege gegen Südafrika (4:0 und 5:0) ein. Doch im Juni stand diesem Erfolg eine überraschende 0:1-Niederlage gegen Algerien und kürzliche eine 0:1-Niederlage gegen Ghana gegenüber.

Kein Wunder, dass auch die Aussagen der Beteiligten unterschiedlicher kaum sein könnten. „Wir haben große Ziele für die Weltmeisterschaft. Wir sind nach vier Teilnahmen erfahren genug, um etwas Großes zu leisten“, sagt Spielführerin Kikelomo Ajayi. Eine sehr optimistische Aussage, die sich mit denen von Uwak und Nkwocha deckt.

Wesentlich pessimistischer klang noch wenige Wochen zuvor Trainer Effiom Ntieri, der die mangelnde Unterstützung des Verbandes in der Vorbereitung beklagte. „Es fällt mir schwer, zu sagen, dass Nigeria bei der WM in China für eine Überraschung sorgen wird, wenn man so wenig finanzielle Mittel für die Vorbereitung des Teams locker macht“, meinte er Anfang Juli. Doch umso höher sind damit die guten Ergebnisse bei den All African Games einzuschätzen. Ein Kandidat für das Viertelfinale ist Nigeria damit allemal.

Tipp:

1. USA
2. Schweden
3. Nigeria
4. Nordkorea

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4 Kommentare »

  • Rainer sagt:

    Sara Larsson aus Linköping ist nun doch im Aufgebot, weil sich die erste Diagnose ihrer Fussverletzung (drei Monate Ausfall) als Fehldiagnose herausgestellt hat. Aber sie ist keine Schlüsselspielerin. Schweden gibt sich optimistisch, einiges hängt davon ab, ob Hanna Ljungberg fit ist. Denn sie ist eine Weltklassespielerin und wäre eine wichtige Partnerin für Victoria Svensson. Beim Algarve-Cup haben die Schwedinnen nach schwachem Start gegen die USA ein tolles Spiel gemacht und nach dem 2-0 und 3-1 der Amerikanerinnen immerhin „nur“ 3-2 verloren. Victoria Svenssons Eindruck, dass wenn das Spiel nur zehn Minuten länger gedauert hätte, ein Unentschieden herausgekommen wäre, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die USA stand am Ende unter erheblichem Druck. Lotta Schelin, die 23-Jährige Torschützenkönigin von Kopparbergs/Göteborg, kann der Star der WM werden. Nein, mit Schweden muss man rechnen und Angst muss Thomas Dennerbys Truppe vor niemandem haben. Noch einmal Victoria Svensson: „Wir können jedes Team der Welt schlagen, wenn wir unsere 100% bringen.“

    Nordkorea ist tatsächlich die grosse Unbekannte der Gruppe. Scheitern könnten die Asiatinnen aber gerade an dem Umstand, dass sie in den vergangenen Jahren keine Spiele gegen die Grossen der Welt gemacht haben und ihnen diese wichtige Erfahrung fehlt.

    In Nigerias Team imponierte mir in den schwedischen Ligaspielen vor allem die 31-Jährige Perpetua Nkwocha. Im Auswärtsspiel ihrer Mannschaft Sunnanå SK bei AIK in Solna vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal erlebt, dass AIK:s Weltklasseverteidigerin, die Finnin Sanna Valkonen, ernsthafte Probleme mit einer Gegenspielerin hatte.

    Ich denke aber auch, dass die USA die Gruppe gewinnen wird, vor Schweden und Nordkorea.

    Aber wir hatten letztes Jahr schon eine Weltmeisterschaft (der Männer), wo wirklich ALLE Medienvertreter einen schier unschlagbaren Favoriten namens Brasilien auserkoren haben, der dann im Turnier mächtig enttäuschte.

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  • Markus Juchem sagt:

    Danke für Deinen Hinweis wegen Sara Larsson. Ich bin eher skeptisch, was die schwedische Nationalmannschaft angeht. Ich denke leider nicht, dass Ljungberg hundertprozentig fit sein wird. Das war sie bei Olympia 2004 auch nicht, allerdings hatte sie damals natürlich auch eine noch schwerere Verletzung im Vorfeld des Turniers.

    Das Spiel gegen die USA beim Algarve Cup habe ich vor Ort gesehen. Die zweite Halbzeit war sicherlich gut von den Schwedinnen, allerdings haben die USA die Zügel auch ein wenig schleifen lassen, deswegen würde ich dies nicht überbewerten. Schauen wir mal, was Lotta macht, wir werden sehen.

    Nordkorea ist wirklich schwer einzuschätzen, ein unangenehmer Gegner wird es allemal sein. Nigeria hat großes Potenzial, doch die Rahmenbedinungen in der Nationalmannschaft und im Land sind immer noch sehr schwierig.

    Brasilien erinnerte voriges Jahr mehr an eine Zirkustruppe, wenn ich an das Trainingslager vor der WM in der Schweiz denke. Diesen Fehler werden die U.S.-Frauen wohl eher nicht begehen, dafür wird Coach Ryan schon sorgen. 😉

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  • Detlef sagt:

    Ich glaube weiter an die SCHWEDINNEN!!!
    Ich halte Hanna Ljungberg für eine große Kämpferin, die beißt sich durch!!! Auf Lotta Schelin bin ich echt gespannt, so wie Rainer es berichtet, muss aus ihr eine echte Granate geworden sein!!!
    Und da ist auch noch Vickan, die kann ein Spiel auch mal allein entscheiden!!! Auch Caroline Seeger hat mir das letzte mal sehr gut gefallen!!! Ob sie allerdings die Lücke ausfüllen kann, die eine Malin Moström hinterlassen hat, mal sehen!!!
    Nigeria ist sicher genau so unberechenbar, wie Nordkorea!!!
    Letztere halte ich aber für disziplinierter, und deswegen lautet
    mein Tip:
    1. USA
    2. Schweden
    3. Nordkorea
    4. Nigeria

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  • Rainer sagt:

    Hanna Ljungberg ist in der Tat eine grosse Kämpferin. Sie sollte auch eigentlich beim Pokalfinale zum Schluss spielen und lief sich bereits an der Seitenlinie warm, aber abgemacht waren ca. 10 Minuten und in der 80. Minute stand eine Verlängerung im Raum, als Frida Höglund gegen Umeå das 3:3 köpfte. Und die wollte Umeås Coach Andree Jeglertz dann doch nicht riskieren, das wären bis zu 40 Minuten für Hanna gewesen.
    Lotta Schelin ist in der Tat das Wunderkind, auf das man in Schweden hofft. 21 Tore in der letzten Saison, in dieser auch schon wieder 21 und das in einem sehr wechselhaft auftretenden Team. Lotta Schelin hat es auch geschafft, den lukrativsten Sponsorenvertrag in der Geschichte des schwedischen Frauenfussballs zu bekommen. Puma zahlt ihr für fünf Jahre eine geheim gehaltene, aber wenn man den Munklern glauben kann, für den Frauenfussball sehr ansehnliche Summe.
    Und Malin Moström ist nicht zu ersetzen, Detlef. Leider. Es ist wohl vor allem ihre Persönlichkeit, die auf dem Feld fehlen wird. Aber…sie fährt nach China und arbeitet dort für die schwedische Lotteriegesellschaft Svenska Spel und wird sicher das eine oder andere Mal auftauchen. Thomas Dennerby hatte sie ja tatsächlich angerufen und gefragt, als sie doch noch einmal für vier Wochen im Sommer die Schuhe anschnürte, weil Umeå grosse Verletzungssorgen hatte. Aber es blieb beim Nein. Sie sagte auch, dass ihre Trainingsrückstand nach einem halben Jahr erheblich sei.
    Morgen schaue ich mir AIK gegen Linköping an.
    Ich vermute, dass Dennerby sich doch für Sofia Lundgren von AIK als erste Torfrau entscheiden muss, da Lindahl Spielpraxis fehlt. Und bei Linköping sind dann gleich fünf schwedische und zwei nigerianische Nationalspielerinnen auf dem Feld.
    Das Viertelfinale jedenfalls heisst Deutschland – Schweden und dann schaun mer mal…

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