Alisa Vetterlein: “Ich will aus diesem Traum eigentlich gar nicht aufwachen!”

Von am 1. August 2007 – 15.18 Uhr

Alisa VetterleinAlisa Vetterlein, 18, wurde am Sonntag mit der U19-Nationalmannschaft Europameisterin nach einem 2:0-Finalsieg nach Verlängerung gegen England. Seit 2005 hütet sie das Tor des damaligen Erstligisten und jetzigen Süd-Zweitligisten VfL Sindelfingen, mit dem sie in der kommenden Saison den Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga packen will. Von der UEFA wurde sie zur Torhüterin des Turniers gewählt. Die Euphorie ist auch drei Tage nach dem Finalsieg noch unüberhörbar.

Hallo Frau Vetterlein, herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Europameisterschaft!

Vielen, vielen Dank.

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Wie oft haben Sie sich das Video denn schon angesehen, wie oft die Szenen nochmal durch den Kopf gehen lassen?

Gestern habe ich mir mit meiner Familie nochmal das Halbfinale angeschaut. Heute kommt dann das Finale dran.

Dann haben Sie auch nochmal diese starke Parade gegen Frankreich gesehen, in der Sie Ihre Mannschaft vor dem Rückstand bewahrt haben?

Genau, das war in der Verlängerung. Es ist ein tolles Gefühl, mit einer solchen Parade einen Teil zum Erfolg beigetragen zu haben. Ich bin auch wirklich stolz darauf, weil ich diesmal richtig live dabei war, nicht nur als zweiter Torwart auf der Bank, wo man sich dann sagt: ja, irgendwie bin ich Europameister, aber ich hab‘ ja eigentlich gar nichts gemacht. Da fühle ich mich schon ziemlich stark.

Hatten Sie damit gerechnet, Nummer eins zu sein?

Gerechnet nicht unbedingt, aber daran geglaubt.

Wann gab es die Signale von Bundestrainerin Maren Meinert, dass Sie im Tor stehen werden?

Eigentlich gar nicht. Erst, als die Aufstellung feststand.

Wie ging’s mit der Nervosität?

Klar war die da. Beim ersten Spiel auf jeden Fall, beim zweiten ging’s dann. Aber beim Finale, muss ich sagen, habe ich das gar nicht so richtig realisiert. Das ist so an mir vorbeigezischt, da war keine Zeit für Aufregung.

Was war es für ein Gefühl, zum ersten Mal bei einem Turnier auf so großer Bühne dabei zu sein?

Auf jeden Fall ein Supergefühl. Ich kann es wirklich noch gar nicht so beschreiben, weil es wie ein Traum verlief. Und ich will auch eigentlich gar nicht aufwachen (lacht).

Ist es etwas anderes, wenn die Spiele auch im Fernsehen übertragen werden? Oder bekommt man das gar nicht mit?

Dass man gefilmt wird, bekommt man eigentlich nicht mit. Man konzentriert sich ganz auf das Spiel, die Kamera realisiert man nicht so.

Daran, dass viele zu Hause zuschauen, sollte man wahrscheinlich besser nicht denken?

Genau, das ist besser so. Eigentlich denkt man erst später: Oh, ja, jetzt haben doch einige gesehen, dass unsere Mannschaft was kann. Durchaus positiv also.

Wie beurteilen Sie Ihre eigene Leistung im Verlauf des Turniers?

Ich bin sehr zufrieden. Normalerweise bin ich nie zufrieden, aber diesmal muss ich sagen, dass ich schon ein gutes Gefühl habe, ein starkes Turnier gespielt zu haben.

Worin sehen Sie den Schlüssel zum Erfolg Ihrer Mannschaft?

Ich glaube, wir waren einfach sehr ausgeglichen, ohne großes Leistungsgefälle. Auch die eingewechselten Spielerinnen haben überzeugt. Wir waren auf allen Positionen stark besetzt.

Jetzt trafen Sie im Finale auf England, die kaum jemand im Endspiel erwartet hatte. Wenn man vorher gegen den Mitfavoriten Frankreich gewonnen hat, hat man dann ein bisschen Bammel, auf der Zielgeraden ausgerechnet von einem vermeintlichen Underdog ausgebremst zu werden?

Wir wurden zwar von den Trainerinnen gewarnt, dass wir nicht darauf hören sollen, wenn alle sagen, das Halbfinale war das vorweg genommene Endspiel und der Rest ergibt sich im Vorbeigehen. Da wurden wir schon gewarnt, aber von unserer Einstellung her hat bei uns auf jeden Fall keiner mehr daran gezweifelt, dass wir das schaffen. Zwar war das Finale ziemlich zäh, weil die Engländerinnen eigentlich gar nichts zum Spiel beigetragen haben, aber wir haben immer daran geglaubt, dass das Tor dann auch irgendwann fallen wird.

Bis zur 107. Minute hat es gedauert, hatten Sie und und Ihre Mannschaft danach das Gefühl, dass es das war?

Auf jeden Fall, „jetzt sind wir durch“ war unser erster Gedanke. Sehr befreiend.

Wenn man die Medienberichterstattung zum Finale verfolgt, dann war es für viele wichtiger, dass UEFA-Präsident Michel Platini den Pokal übergab, als die Torschützinnen zu nennen. Was sagen Sie dazu?

Ja, ich fand es sehr schade, dass das Finale bei Eurosport erst später kam (wegen der Übertragung der Siegerehrung der Tour de France, Anm.) und die Siegerehrung nicht gezeigt wurde. Denn das war einfach geiles Gefühl, als wir den Pokal hochhalten durften.

Fühlt man sich da auch ein bisschen vernachlässigt?

Ja, schon. Wenn man auch sieht, dass die U19-Männer die ganze Zeit live kommen. Da ist es schon schade.

Wie sind Sie zu Hause empfangen worden, haben Sie die Mannschaft schon gesehen?

Super, gestern war ich im Training, um kurz vorbei zu schauen und die Mannschaft hatte ein Riesenplakat gemalt. Jetzt bin ich erstmal noch ein paar Tage ganz zu Hause bei meinen Eltern, um abzuschalten. Die haben sich natürlich auch total gefreut.

Und wann wird es wieder Zeit für Training? Wahrscheinlich haben Sie gar keine Zeit für eine große Pause, wenn die Bundesliga am 19. August startet?

Nein, am Freitag steige ich wieder ein. Ich wollte eigentlich gleich trainieren, aber meine Trainer haben mich nach Hause geschickt und gesagt, ich soll erstmal abschalten und genießen. Dann geht es wieder los.

Kommen wir zum Schluss noch zum VfL Sindelfingen und der neuen Saison. Was ist Ihr Ziel, der Aufstieg?

Ja, ganz klar. Auf jeden Fall, und ich bin auch davon überzeugt, dass wir das schaffen. Weil wir einfach ein starkes Team haben. Eine junge Mannschaft, gute Trainer, da passt eigentlich alles.

Und warum wird es diesmal klappen, nachdem es in der letzten Saison nur für Platz drei reichte?

Weil wir erfahrener sind und ich glaube, weil wir einfach auch mehr wollen. Ich hatte schon den Eindruck, dass sich einige gedacht haben, es schadet nicht, noch ein Jahr 2. Liga zu spielen und dann richtig gestärkt und eingespielt in die 1. Liga aufzusteigen.

Was glauben Sie, wer mit Ihnen um den Aufstieg spielt?

Köln schätze ich sehr stark ein. Jena auf jeden Fall auch.

Brauweiler kam aus der 1. Liga…

…ja, aber ich glaube, da sind ziemlich viele gegangen. Ich weiß nicht, ob die unbedingt um den Aufstieg mitspielen können. Wir sind auf jeden Fall eingespielter. Aber ich bin gespannt, die Saison wird bestimmt wieder heiß.

Vielen Dank für das Interview!

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