Abu Dhabi: Ein Exotenteam macht Station in Deutschland

Von am 25. Juli 2007 – 6.01 Uhr

hsv_dhabi.jpgGanz nach dem Vorbild der männlichen Profis absolvierten auch die Frauen des Abu Dhabi Health and Sports Club (ADHSC) aus der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate ein mehrwöchiges Sommertrainingslager. Vier Wochen Deutschland.

Die Girls des ägyptischen Trainers Mohammed Rashidi, ein Ex-Profi mit internationaler Erfahrung, sammelten dabei reichlich Erfahrung unterschiedlicher Art.

Der ADHSC war zu Gast in Bayerns Alpenregion in Bad Kohlgrub und in der Schleswig-Holsteinischen Region um Hamburg in Bad Bramstedt. „Die Reise nach Deutschland soll unsere Spielerinnen motivieren“, sagt Miss Dina, die Klubsekretärin und Managerin.

Anzeige

Und zugleich soll längerfristig der Frauenfußball durch solche Aktivitäten als erstrebenswert für Girls in Abu Dhabi dargestellt werden. Richtige Werbung ist das jedoch noch nicht. Denn kaum eine Zeitung hat über die vier Wochen und die Spiele in Deutschland berichtet.

HSV ein paar Nummern zu groß

Die Spielerfolge der Gäste sind nett, heben die Stimmung, sind aber zu relativieren. Das 11:0 beim WSV Unterammergau war selbst Trainer Rashidi zu hoch. Das 3:2 gegen den Bezirksligisten SG Henstedt-Ulzburg schätzte er schon höher ein. Aber es waren eben nur 40 Minuten Spiels. Als es auf dem Trainingsgelände des Hamburger SV während dessen Trainings gegen den HSV ging, hieß es am Ende 0:5 nach 2×25 Minuten. Und die zweite Halbzeit bewies bereits, dass der HSV nicht nur stärker, sondern die Araberinnen bei nur geringfügig verlängerter Spielzeit völlig platt waren.

Topteam aus dem arabischen Raum

Es gilt an dieser Stelle nicht, die Gäste kleinzuschreiben. Das ADHSC-Team existiert erst im zweiten Jahr, wird für seine Verhältnisse mit professionellen Ansprüchen geführt und gehört zu den besten Vereinsteams im arabischen Raum. Aber der Weg zu mehr ist noch ein langer und steiniger. Er beginnt mit Spielfeldmaßen, Mannschaftsgröße und der Spielzeit. Nicht umsonst drängt die FIFA bei ihren Entwicklungsmaßnahmen auf das Großfeld mit voller Spielzeit und sieht alles andere, wie den Kleinfeldkick und Futsal bei den Frauen nur als geeignete kurze Zwischenstationen.

Ein oberflächlicher Blick lässt seitdem keine Entwicklung erkennen. „Wir haben zwar Zuwachs, aber nur ganz gering“. „Der Frauenfußball wächst nur ganz langsam. Das dauert noch sehr lange, bis es richtige Wettkämpfe geben wird.“ So bleibt dem Team weiterhin als einzige Wettkampfgelegenheit, selbst zu Turnieren einzuladen, eingeladen zu werden oder zu Trainingszwecken ins Ausland zu reisen.

Frauenfußball hat Seltenheitswert

Der ADHSC ist nach wie vor der einzige Verein mit Frauenfußball, ausgenommen der ausländischen Firmenclubs und Expatriots, die schon seit Jahren in einer (Kleinfeld-) Liga spielen und den Ladies Clubs, in denen verschleiert unter Ausschluss der männlichen Öffentlichkeit in der Halle gekickt wird, etwa im Dubaier LC und einigen Universitäten, wie im Emirat Ajman.

Rashidi bezeichnet die Niederlage gegen den HSV als wertvollstes sportliches Erlebnis. „Wir haben daraus viel gelernt und vor allem am eigenen Leib erfahren“, sagt er. Rashidi nennt insbesondere „das Spieltempo, den Körpereinsatz und vor allem die Kondition.“ Ohne die läuft gar nichts, auch bei technisch talentierten Spielerinnen nicht. Die Hamburgerinnen haben quasi im Vorbeigehen gezeigt, wo die Lampe hängt.

Eis als Belohnung

Gegen den Bezirksligisten VfL Kellinghusen indes gewannen sie zum Abschluss über 2×20 Minuten mit 6:1 und zeigten zum Teil schöne Kombinationen. Ganz zur Freude der mitgereisten Fans, die sangen und ihre Fahnen schwenkten. Als Lohn spendierte Rashidi seinen Girls auf der Rückfahrt ins Hotel ein richtig großes Eis.

Auch Klubführung und Trainer profitieren von der Reise. Sie lernten in Deutschland voll durchstrukturierten Frauenfußball kennen und damit neue Maßstäbe jenseits des eigenen bisher allein gültigen. Zum Beispiel, das sie hier über das Siebener-Kleinfeld und 2×20 Minuten Spielzeit lachen und das Professionalismus noch lange nicht erreicht ist, wenn man ihn sich auf die Fahnen schreibt.

Westliche Kleidung

dhabi_team.jpgDie Rashidi-Girls kicken westlich gekleidet im weltüblichen Sportdress, der bei den Arabern nach wie vor zumindest eine Provokation bedeutet, mitunter mehr, in manchen muslimischen Ländern noch immer bei Strafe verboten ist. Und zum Ärger in der Sportredaktion zumindest einer großen Tageszeitung. Die hatte dem HSV doch tatsächlich erklärt, sie schicke nur einen Reporter, wenn die Araberinnen verschleiert spielen würden. Also musste der „gute“ Mann am Schreibtisch bleiben.

Die Fortentwicklung der vergangenen eineinhalb Jahre sind bei den Gästen im internen Anstieg des Niveaus zu sehen. Das Team gewinnt an Qualität, technisch und taktisch. Körperlich ist noch viel zu tun. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel. Etwa Sara Hassanin, die Spielmacherin und Torjägerin. Nur die wurde als ägyptischer Nationalkapitän eingekauft, um gegen ein hohes Gehalt als Vorbild zu dienen.

HSV-Spielerinnen: „Gut, dass in anderen Gesellschaften Frauenfußball ein Thema wird“

Das bestätigen auch Silva Lone Saländer, die an jenem Abend mit einem Schokokuchen zum 24. Geburtstag heimging und Janka Rohrberg. „Es war interessant für uns, gegen solch ein exotisches Team zu spielen. Aber ein ernsthafter Gegner war das nicht. Schon gar nicht auf kleinem Feld und bei der kurzen Spielzeit und ohne Abseitsregel“, resümierten sie kritisch. „Das war sportlich keine Herausforderung. Die Unterschiede sind doch sehr groß. Immerhin ist es gut, dass auch in ganz anderen Gesellschaften der Frauenfußball ein Thema wird.“

Über den Autor:

Rainer Hennies, Jahrgang 1960, lebt in Barsinghausen als freiberuflicher Journalist und ist vornehmlich im Printbereich tätig, Schwerpunkt Text, aber auch Bild. Hinzu kommt einige Hörfunk-Erfahrung. Nach dem Studium in Hannover der Sportwissenschaften, Sprachwissenschaften und Literatur, sowie Geschichte, Soziologie und Pädagogik folgte das Referendariat in Sport und Deutsch an einem Hildesheimer und einem Hannoverschen Gymnasium.Der Weg führte dennoch in den Sportjournalismus nach kleineren Exkursen in die profanere Arbeitswelt vom Paket-Fahrer, Büro- und Lagerhelfer, Türen- und Fensterverkäufer, Stahlbüromöbelhersteller, Baustellenbelieferer, Hausmeister, Gärtner, Tabakpflücker und Tellerwäscher, Menschenhändler und Geheimnisträger.Rainer Hennies ist für Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Zeitschriften und Fußballverbände weltweit seit 1986 tätig. Außerdem ist er Co-Autor, Berater bei verschiedenen Projekten und Inhaber einer B-Lizenz als Fußballtrainer. Vorliebe beim Frauenfußball ist das weltweite Geschehen; einen besonderen Schwerpunkt bilden die arabischen Staaten.

Tags: , , , ,