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Südamerika erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Von am 23. Juli 2007 – 5.41 Uhr

barcellos.jpgSeit die Brasilianerin Marta im Dezember 2006 zur FIFA-Weltfußballerin des Jahres gekürt wurde, scheint der südamerikanische Frauenfußball etwas in die Gänge zu kommen. Denn so manchem altem Macho schwant inzwischen, dass man zukünftig auch mit dem Frauenfußball gutes Geld verdienen kann.

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Doch während es in Brasilien die Fußballerinnen inzwischen gelegentlich in die Schlagzeilen schaffen und Chile im Hinblick auf die Ausrichtung der U-20-WM 2008 gar schon einen Boom erkannt haben will, haben einige andere Länder bei den Panamerikanischen Spielen schmerzlich erfahren, wie groß der Rückstand ist, den man sich in den vergangenen Jahrzehnten der Untätigkeit eingehandelt hat. Und auch im Land von Südamerika-Meister Argentinien ist nicht alles Gold, was glänzt.

Brasilien sieht neue Zeit anbrechen

Brasilien hat durch die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen Athen 2004 und durch Weltfußballerin Marta kräftige Ausrufezeichen gesetzt und gilt als stärkstes Team in Südamerika.

Nicht zu Unrecht, wie die aktuellen Ergebnisse bei den Panamerikanischen Spielen zeigen. Zuletzt glänzte das Team beim 7:0-Kantersieg gegen Kanada, den WM-Vierten von 2003, zu dem Marta fünf Treffer beisteuerte.

Trainer Jorge Barcellos hält die Zeit für gekommen, dass der brasilianische Frauenfußball in einen neuen Zeitabschnitt tritt und spricht von einer „Transformation“, für die seine Spielerinnen verantwortlich seien.

Frustration bei den Argentinierinnen

Argentinien hat in den vergangenen Jahren kräftig an Boden gut gemacht und ist aktueller Südamerika-Meister. Zuletzt bezwang man in einem Freundschaftsspiel die formstarken Chinesinnen und bei den Panamerikanischen Spielen erstmals auch Mexiko.

Doch die Begeisterung für den Frauenfußball hält sich im Land nach wie vor in Grenzen. „Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich schon längst Millionär“, beschreibt Rosana Gomez, 26-jährige Mittelfeldspielerin von Boca Juniors das Dilemma, die seit mehr als fünf Jahren Mittelfeldspielerin in der Nationalmannschaft ist.

Stattdessen arbeitet sie in einem Telefonladen, der Fußball bringt ihr monatlich nicht einmal 50 Euro ein. „Wir investieren Zeit und Energie in den Fußball und werden immer noch schlicht und einfach ignoriert“, beklagt sie sich. Mangelnde Aufmerksamkeit heißt geringe Medienberichterstattung und folglich fehlendes Interesse der Sponsoren.

Anhaltende Machokultur

„Diese Ungleichbehandlung liegt an der Machokultur“, sagt Politikwissenschaftlerin Gimena de Leon. Erziehung und Gesellschaft würden den Frauen nach wie vor die traditionellen weiblichen Rollen vorschreiben.

„Früher haben uns männliche Fans sogar meistens zugerufen, wir sollen an den Ofen zurückkehren“, erinnert sich Karina Ribodino, Präsidentin und frühere Spielerin der Boca Juniors.

Chile setzt auf Schub durch U-20-WM

In Chile hat der Zuspruch zum Frauenfußball in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Viele Vereine bieten inzwischen ganzjährig Schnupperkurse an, oder die Möglichkeit, eigene Mannschaften zu bilden und an einer der zahlreichen Ligen teilzunehmen. Eine der bekanntesten ist die Liga Cancheras, wo gegen eine geringe Einschreibungsgebühr Teams gemeldet werden können, der Sieger gewinnt rund 700 Euro.

Wachsendes Interesse in der Hauptstadt

Immer mehr Mädchen interessieren sich für den Sport, bestätigt etwa der Club Deportivo Universidad Católica aus der Hauptstadt Santiago, wo zweimal die Woche trainiert wird. Auch andere Vereine, wie der Club Manquehue oder auch Club Red Fúbol unterhalten Frauenfußball-Abteilungen.

Der Sportartikelhersteller Brooks will in den kommenden Monaten rechtzeitig zur U-20-WM 2008 eine eigene Linie auf den Markt bringen, die auf die besonderen Bedürfnisse der Fußballerinnen zugeschnitten sein soll.

Peru: WM-Bewerbung als Zeichen der Ernsthaftigkeit

Auch in Peru ist der Frauenfußball auf dem Vormarsch. „Die aktuellen Sportprogramme in den Schulen sehen Frauenfußball vor. Die Entwicklung ist noch nicht so weit vorangeschritten, aber wir hoffen, dass der Sport dadurch populärer und bald mit weniger Vorurteilen behaftet sein wird“, so Perus Sportminister Alfredo Deza Fuller. Mit seiner Bewerbung um die Ausrichtung der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 hat der peruanische Fußballverband ein weiteres Zeichen gesetzt.

Peinliche Niederlagen bei den Panamerikanischen Spielen

Dass die Trauben für die meisten südamerikanischen Teams immer noch viel zu hoch hängen zeigen die derzeit in Rio de Janeiro stattfindenden Panamerikanischen Spiele. So musste sich etwa Paraguay im Auftaktspiel gegen die amerikanische U-20-Auswahl beim 1:7 eine peinliche Lektion erteilen lassen, im zweiten Spiel setzte es ein 0:5 gegen Mexiko.

Nicht viel besser erging es Uruguay, bei der Südamerika-Meisterschaft 2006 immerhin Dritter, das nach dem 0:4 gegen Brasilien mit 0:7 gegen Kanada verlor. Und Ecuador kam gegen Brasilien gar mit 0:10 unter die Räder.

Vor dem südamerikanischen Frauenfußball liegt also noch ein weiter Weg, will man in Zukunft auf breiter Front mit den besten Teams der Welt mithalten.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.