Die sinnlosen Schnapsideen gehen in die Verlängerung

Von am 16. Juli 2007 – 10.33 Uhr 4 Kommentare

Wer erinnert sich nicht noch daran: 98. Minute, Kopfball Nia Künzer – Deutschland Weltmeister. Nein, das wird jetzt keiner der tausendfach geschriebenen, seichten Rückblicke. 119. Minute Fabio Grosso in Dortmund – wahrscheinlich auch noch allen in Erinnerung. Vielleicht nicht in guter, aber war das nicht Dramatik pur? Fußball, wie wir ihn uns wünschen? Oder das EM-Halbfinale 2005 zwischen Schweden und Norwegen, das auch in der Verlängerung noch einen hochspannenden Schlagabtausch bot?

Der Puls am Anschlag, die Hände schweißnass, der Blick gebannt auf den Fernseher. Möge die eigene Mannschaft doch noch in der Verlängerung das Spiel entscheiden, denn Elfmeterschießen ist irgendwie…Glückssache! Ja, genau, diese Floskel ist omnipräsent, geht es um das kurze, aber keineswegs schmerzlose Elfmeterschießen. Hier können Torhüterhelden geboren werden, freilich. Aber ist das ein befriedigendes Ende für ein Fußballspiel, wenn nach 90 Minuten gleich an den Punkt gebeten wird? Wie etwa in diesem Jahr beim Frauen-Pokalfinale? Da sah das Reglement schon keine Verlängerung mehr vor, damit der Abstand zum Männer-Finale besser berechenbar bleibt.

Das könnte und soll jetzt Standard werden – geht es nach FIFA-Präsident Sepp Blatter. In Venezuela im Rahmen der Copa America sagte der Boss des Fußballweltverbandes: „Es gibt keine Verlängerung hier bei der Copa. Das ist eine sehr, sehr gute Entscheidung. Es ist viel besser, direkt ins Elfmeterschießen zu gehen. Seit es kein Golden Goal mehr gibt, macht eine Verlängerung keinen Sinn mehr.“

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Nur zehn Jahre lang hatten Verlängerungen ihren Sinn…

Weil es kein Golden Goal mehr gibt? Zur Erinnerung: es wurde 1993 zunächst bei der U20-WM der Junioren eingeführt und galt im Anschluss lediglich bis zum Jahr 2005, die letzten drei Jahre gar nur silbrig glänzend – ein Silver Goal war es auch, das 2005 Solveig Gulbrandsen gegen Schweden gelang und die Norwegerinnen ins Finale gegen Deutschland katapultierte.

Man muss sich diese Argumentation auf der Zunge zergehen lassen: die jahrzehntelange Regelung, dass auf 90 Minuten, sofern kein Sieger gefunden ist, 2×15 Minuten Verlängerung folgen, ist nun nicht mehr sinnvoll, weil das zehnjährige Experiment Golden Goal – ich nenne es Verirrung – in die Hose ging. Kein Sinn also. Noch besser wäre die Worthülse „unmodern“ gewesen.

…Unsinn, Verlängerung ist Dramaturgie pur, sie ist elementar für die Faszination Fußball!

Aber was ist denn sinnvoll, was ist modern? Dem Fußball einen dramaturgischen Höhepunkt zu nehmen? Ich sage: auf ein Klassespiel nochmal 30 Minuten draufgepackt zu bekommen, die Spielerinnen und Spieler an ihre Grenzen gehen zu sehen. Krämpfe, Pfostenschüsse, Lattentreffer – und immer im Hinterkopf, dass bei einem Gegentor nicht mehr viel Zeit bleibt, zurück ins Spiel zu kommen. Oder andersrum – schießt meine Mannschaft ein Tor, ist der Triumph zum Greifen nah.

Wer darin keinen Sinn sieht, bei dem frage ich mich, woher dann die Begeisterung für den Fußball kommt. Mit Verlängerungen sind wir doch alle aufgewachsen, da hat jeder seine Spiele, die unauslöschlich im Gedächtnis bleiben.

Dem TV-Schema zuliebe

Aber vielleicht ist mein Problem, dass ich die Marktmechanismen, die Anpassungserfordernisse des modernen (sic!) Fußballs, ja des modernen Sports an Fernsehsender noch nicht mit der Muttermilch aufgesogen habe. Auch wurde mir bisher noch kein entsprechendes Fläschchen gereicht – ich würde es eh ablehnen. Deshalb wahrscheinlich kann ich nichts Modernes daran finden, des unverrückbaren TV-Schemas wegen diese blöden, unberechenbaren, den ganzen Zeitplan durcheinander würfelnden Verlängerungen abzuschaffen.

Für mich ist offensichtlich: einen anderen, als den Grund der TV-Kompatibilität – schönes Wort, was? – kann es für diese Schnapsidee nicht geben. Verschwörungstheorie? Dann bitte, greifen Sie zu, Herr Schäuble. Oder fällt euch was anderes ein? Dann ab in die Kommentare damit.

Was modern und sinnvoll ist, wird sich zeigen – vielleicht auch eine Idee aus dem 19. Jahrhundert

Doch ob das modern und sinnvoll ist, das wird sich nicht nur bei dieser Anpassung erst noch zeigen. Denn sind es nicht gerade Verlängerungen, die Einschaltquoten in die Höhe treiben? Ist es nicht die Faszination für diesen Sport, die zum massenhaften Fußball-Konsum, zum Sturm auf die FIFA-Fanfeste im letzten Jahr trieb und treibt? Dieser Faszination nach und nach die Grundlage zu entziehen, könnte sich – nicht bald (dafür sind auch Fußball-Fans zu biegsam in ihrer Einstellung) -, aber doch langfristig als folgenreiche Entwicklung erweisen.

Warten wir also erstmal ab, ob das Regelwerk tatsächlich modifiziert wird. Und dann, schlage ich vor, unterhalten wir uns in zehn Jahren nochmal, ob denn diese Regeländerung sinnvoll war. Oder ob nicht auch eine Regelung aus dem 19. Jahrhundert durchaus auch zu Anfang des 21. Jahrhunderts ihre Berechtigung hat und ihre Faszination ausübt. Wir sprechen uns.

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4 Kommentare »

  • Crackfly sagt:

    Sehr gut! Ne Verlängerung gehört zum Fußball, wie n Torwart seine Handschuhe braucht. Ich sag ja immer noch, hätt es dieses Jahr bei den Frauen eine gegeben, hätte der FCR gewonnen! Und eine WM oder EM oder was auch immer, ohne eine Verlängerung, die einem das Adrenalin durch die Adern pumpt kann ich mir nicht vorstellen!

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  • Hullu poro sagt:

    *lol* Demnächst verbietet Herr Blatter noch den Torjubel. Wann wird dieser Mann endlich abgesetzt?

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  • Detlef sagt:

    Es ist wie in der großen Politik!!! Die das große Sagen haben, wissen oft nicht, wovon sie eigentlich sprechen!!! Auf dem Wege, den Fußball noch „MEDIENKONFORMER“ zu machen, landen wir sicher bald bei Amerikanischen Verhältnissen!!! Bei jeder Spielunterbrechung, werden Werbespots eingeblendet, wie es heute schon beim Basketball oder Eishockey üblich ist!!!
    Kommt überhaupt noch irgendein fußballbegeisterter Mensch, an diese hohen (bereits abgehobenen), sich eigentlich nur noch selbst darstellenden FIFA-Abgeordneten ran???
    Ich bin ebenfalls mit Verlängerungen groß geworden, und finde sie viel besser, als das direkte Elfmeterschießen!!! Erst recht, wenn es um GLEICHBEHANDLUNG der Geschlechter geht!!! Es kann halt vorkommen, dass die zwei besten Frauenmannschaften sich im Pokalfinale nur unentschieden trennen!!! Nur mit der Begründung, dass ja anschließend das eigentliche Ereignis nicht zu spät beginnen möge, werden sich wohl nicht mehr lange die Regeln verbiegen lassen!!!
    Dass es nun auch auf internationaler Ebene zu dieser Regelung kommen soll, darf einfach nicht war sein!!!
    Die Behauptung, eine Verlängerung mache nur Sinn, wenn es auch ein „GOLDEN GOAL“ gebe, halte ich für reine Willkür!!! Ich habe auch nicht viel vom „GOLDEN GOAL“ gehalten, aber es war noch tausend mal besser als gleich nach 90 min zum Punkt zu schreiten!!!

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  • Simon sagt:

    Also der Blatter is…. Also ich glaub der hat Wahnvorstellungen. Es is ja wohl allgemein bekannt, dass Elfmeterschießen wie Lotto ist………

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2 Pingbacks »

  • newskick.de sagt:

    Die sinnlosen Schnapsideen gehen in die Verlängerung…

    “Es gibt keine Verlängerung hier bei der Copa. Das ist eine sehr, sehr gute Entscheidung. Es ist viel besser, direkt ins Elfmeterschießen zu gehen. Seit es kein Golden Goal mehr gibt, macht eine Verlängerung keinen Sinn mehr.” (S. Blatter)
    Ein K…

  • […] Womensoccer: Die sinnlosen Schnapsideen gehen in die Verlängeru… Mh, sind Verlängerungen sinnvoll oder nicht? Sollten man sie abschaffen weil sie veraltet sind? Ich bin ein Fan der Verlängerung, ich will die weiterhin behalten! Auf Womensoccer.de beleuchtet die Autorin des Artikels die Geschichte der Verlängerung, Silver Goal, Golden Goal usw… […]