Tanja Walther: “Bewusstsein dafür entwickeln, die Diskriminierung zu sehen”

Von am 28. Juni 2007 – 23.57 Uhr

Tanja Walther mit ihrer Arbeit Im dritten Teil des Interviews zu Homophobie und Sexismus im Fußball (Teil 1; Teil 2) spricht Tanja Walther heute über die Probleme in kleineren Vereinen und unteren Ligen, die deutsche Situation im internationalen Vergleich und über die ersten Schritte des DFB, sich der Problematik zu öffnen.

Womensoccer: Jetzt haben wir über den „großen“ Frauenfußball gesprochen – wie sieht das denn in den unteren Ligen aus?

Walther: Ich spiele ja in einer unteren Liga. Wir sind aufgestiegen und spielen jetzt Berliner Landesliga. Da sind es eher sexistische Sprüche, weil es weiterhin für viele Männer ganz seltsam ist, wenn da plötzlich ein Trupp Frauen kommt, mit einem Ball unterm Arm, die dann auch noch auf den Platz wollen, wo sie gerade trainieren.

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Aber es gibt auch mal blöde homophobe Sprüche, wenn ich meine Freundin mal an der Hand habe. Aber damit gehen wir eigentlich relativ offen und situationsbedingt mit um.

Interview mit Tanja Walther (Teil 1)
Interview mit Tanja Walther (Teil 2)

Womensoccer: Ich erinnere mich noch an eine Werbeanzeige für das L-Mag in einer der ersten Ausgaben des FF-Magazins, was gleich zu einem empörten (abgedruckten) Leserbrief eines Vereinsvertreters führte, Frauenfußball sei doch schon als Lesbensportart verschrien und man würde es ihnen nur noch schwerer machen. Seitdem gab es keine Werbeanzeigen dieser Art mehr. Da sind ja doch noch große Vorbehalte zu erkennen…

Walther: Auf jeden Fall, da gibt es ja auch dieses Ding, dass man sein Kind nicht zum Fußball schickt. Diskriminierung in diesem Bereich ist ja auch sehr subtil. Wenn das Gespräch plötzlich abbricht, was willst du denn da machen? Oder Eltern sagen einfach, ihrem Kind habe es nicht gefallen, obwohl die vielleicht total viel Spaß hatten.

Und was mich auch wundert, ist, dass wir da auch nicht weitergekommen sind, dass viele Eltern weiterhin denken, dass Fußball kein Mädchen- oder Frauensport ist. Als Mädchen ist es noch okay, aber auf dem Transfer vom Mädchen zur Frau soll das Kind dann doch bitte etwas machen, was „fraugemäß“ ist. Was auch immer das dann ist.

Womensoccer: In Ihrer Arbeit weisen Sie auch darauf hin, dass Frauen, wenn sie Sport treiben, männlich besetzte Eigenschaften annehmen. Würden manche Klischees, Fußballerinnen seien „Mannsweiber“ und müssten eh lesbisch sein, um einen „Männersport“ treiben zu können, paradoxer Weise bestätigt, wenn sich jetzt einige Spielerinnen outen würden?

Walther: Nein, finde ich nicht. Denn es gibt ja auch zahlreiche heterosexuelle Spielerinnen, die richtig gut Fußball spielen. Es gibt eine Studie zu Leistungssportlerinnen von Birgit Palzkill aus den 90er Jahren. Sie hat herausgearbeitet, dass es im Leistungssport einfach viele Lesben gibt, weil sie sich da wohl fühlen. Kein Mensch nimmt sie wirklich als Frau wahr, du wirst als Sportlerin angesehen. Das funktioniert generell im Leistungssport so, nicht nur im Fußball.

Womensoccer: Auch so ein Community-Gefühl?

Walther: Einfach sich wohl fühlen und sein können, wie du bist, ohne sich zu verstellen.

Womensoccer: Wie stelllt sich die deutsche Situation im Vergleich mit anderen Ländern dar, ist Deutschland da rückständig?

Walther: Nein, würde ich nicht sagen. Wenn man einen Blick auf Europa wirft, muss man immer auf die politische Lage schauen. Da sind wir in Deutschland ja mit Belgien, Holland oder skandinavischen Ländern schon relativ fortschrittlich. Ähnlich sieht es außerhalb Europas aus, nur sind es da andere Sportarten. In den USA ist Frauenfußball ja die Frauensportart Nummer eins und auch eine Schwulensportart. Die „richtigen Jungs“ spielen ja American Football oder Baseball. Da sind dann Frauen, die Baseball spielen, als lesbisch verschrien.

Womensoccer: Nun hat der DFB das Thema Homophobie und Sexismus zum ersten Mal thematisiert – warum jetzt und warum erst jetzt?

Walther: ‚Warum erst jetzt?‘ ist eine gute Frage. Ich glaube, es gibt immer einen richtigen Moment für etwas und bisher hatte der DFB genug zu tun, um sich erstmal Themen wie Rassismus anzueignen. Jetzt können sie auch über den Tellerrand schauen. Und es hat auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, dass Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit mehr zu sehen sind. Da fragen sich dann natürlich einige, wo die denn überhaupt im Sport sind. Und Fußball ist eben der Sport Nummer eins in Deutschland, dann schaut man erstmal da.

Dass der DFB das jetzt macht, hat aber sicherlich auch damit zu tun, dass die UEFA das Thema im letzten Jahr auch bei einem Kongress auf der Agenda hatte, und weil sich beispielsweise auch die Faninitiative BAFF seit Jahren darum kümmert. Nicht zuletzt hat es auch mit der Arbeit, die die EGLSF (European Gay and Lesbian Sport Federation) macht, zu tun.

Womensoccer: Bei einem Blick in die Vorberichterstattung zum Fankongress habe ich das Thema Homophobie allerdings gar nicht gelesen. Da sind schon noch dicke Bretter zu bohren?

Walther: Ja, aber das macht auch deutlich, wo die Arbeit eigentlich liegt. Einmal, die Leute dazu zu bringen, die Diskriminierung überhaupt zu sehen. Zu merken, dass sich der schwule Schiedsrichter angegriffen fühlen könnte, wenn er tatsächlich schwul ist. Einen heterosexuellen Schiedsrichter wird es wahrscheinlich nur stören, dass du ihn als „Sau“ bezeichnest – obwohl er wahrscheinlich auch nicht als schwul gelten will.

Es gilt Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass es relativ viele diskriminiert, ohne dass es jemand merkt, weil du die Menschen nicht siehst, die schwul oder lesbisch sind.

Womensoccer: Zum Abschluss – wäre eine Anweisung, wie sie aus dem Jahr 1995 bekannt ist, dass Nationalspielerinnen verboten wurde, an den Euro Games teilzunehmen, heute noch denkbar?

Walther: Das glaube ich nicht. Ich denke, da sind die Verantwortlichen weiter, das würde sich niemand mehr trauen. Wenn so etwas publik würde, wäre das, glaube ich, ein Eklat. Das kann ich mir nicht vorstellen, solche absurden internen Abmachungen sind mir nicht bekannt.

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