Tanja Walther: “Eine Organisation wie der DFB muss sagen: ‘Ihr könnt sein, was ihr wollt!’”

Von am 26. Juni 2007 – 15.23 Uhr 6 Kommentare

Tanja Walther mit ihrer Arbeit Im zweiten Teil des Interviews über Homophobie und Sexismus im Fußball beurteilt Tanja Walther (zur Person siehe erster Teil) die Ängste vor einem Abspringen von Sponsoren und einem Zuschauerschwund als Folge von Outings.

Ängste, die sie für übertrieben und teilweise vorgeschoben hält. Organisationen wie der DFB müssten vorangehen und offensiv erklären, dass die sexuelle Orientierung einer Spielerin oder eines Spielers keine Rolle spielt. Dann wären andere gezwungen, nachzuziehen. Aber lest selbst:

Womensoccer: Diese Ängste, über die wir sprachen, wie sind die begründet? Ist das Angst davor, Sponsoren könnten abspringen? Ist diese Angst berechtigt?

Anzeige

Walther: Das ist schwierig einzuschätzen. Ich weiß nicht, wie viele Frauen es gibt, die wirklich gute Sponsorenverträge haben. Und da kommt es dann auch immer darauf an, welche Sponsoren das sind. Wie althergebracht ist die Firma, die dahinter steht? Was haben die für ein Menschenbild und was wollen die verkaufen? Es kann schon sein, dass eine altbackene Versicherung sagt: wenn du dich outest, dann bekommst du das Geld nicht mehr. Wobei die meisten Firmen mittlerweile ja auch Wert darauf legen, multikulturell und weltoffen zu sein.

Interview mit Tanja Walther (Teil 1)
Interview mit Tanja Walther (Teil 3)

Womensoccer: Also eher eine übertriebene Angst?

Walther: Würde ich denken, ja. Und dann ist auch die Frage: vor was habe ich Angst? Ist es tatsächlich das Geld oder ist mir das so wichtig, dass ich einen Teil meiner Persönlichkeit verstecken will?

Womensoccer: Falls in naher Zukunft auch Frauen mehr verdienen und ihren Lebensalltag davon bestreiten könnten – würde das, wenn sich die Sportart mehr etabliert hat, eher die Bereitschaft zu einem Outing befördern oder entsteht da eine größere Abhängigkeit von den Geldgebern?

Walther: Also ich glaube, das ist unabhängig davon, ob Frauen mehr verdienen – was ich mir übrigens auch nicht vorstellen kann, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Ich glaube, es hängt davon ab, dass die Strukturen verbessert werden müssen. Dass eine Organisation wie der DFB sagt: ihr könnt sein, was ihr wollt, und könnt trotzdem weiter unseren Fußball spielen. Und dass Vereine das auch klar sagen. Das ist wichtig für den Anfang, um darauf aufzubauen. Ich glaube, dann müssen auch die anderen nachziehen, weil sonst die blöd aussehen, die einen Sponsorenvertrag von der sexuellen Orientierung abhängig machen.

Womensoccer: Kommen wir zu den Zuschauern. Da ist die Zuschauerstruktur beim Frauenfußball ganz anders als beim Männerfußball, homophobe Bemerkungen kein Thema…

Walther: …da ist es dann eher Sexismus. Das sind dann Sprüche, Frauen könnten keinen Fußball spielen oder: erklärt uns doch mal die Abseitsregel! Also dieses ganze dumpfbackene Gehabe. Was es gibt, sind in unteren Ligen – oben pfeifen ja meistens Frauen – Anfeindungen Marke „schwule Sau“ gegenüber dem Schiedsrichter. Aber da sind wir dann beim Thema, dass sich Sexismus und Homophobie oft überschneiden, weil Schwulsein und weiblich sein ja so bisschen eine Richtung ist. Frauen können angeblich keinen Fußball spielen und Schwule auch nicht, weil sie ja so viele weibliche Anteile haben.

„Hinter diesen Argumenten verstecken sich viele“

Womensoccer: Aber beim Stammpublikum steht kaum zu befürchten, dass es davonlaufen würde?

Walther: Es sind vielleicht Argumente, die aufgeführt werden, aber es sind eher arme Argumente.

Womensoccer: Vorgeschoben?

Walther: Ja, denn ob jetzt 300 zuschauen oder 302? Die Argumente gibt es, aber ich kann sie nicht nachvollziehen. Aber da versuchen sich immer viele dahinter zu verstecken.

„Ich denke, es würde gar nichts passieren“

Womensoccer: Es gibt ja auch Beispiele, dass die Boulevardpresse im letzten Jahr etwa die Dreiecksgeschichte mit Inka Grings, Linda Bresonik und Holger Fach aufgegriffen hat, den Spielerinnen daraus aber kein Nachteil erwachsen ist und die sexuelle Orientierung dabei auch nicht im Vordergrund stand. Was denken Sie denn, was heute bei einem Outing passieren würde?

Walther: Das ist es ja. Ich denke, es würde gar nichts passieren, weil du im Endeffekt ja auch die ein oder andere Spielerin in der Szene triffst und sie zwangsouten könntest. Nur ist es für die Presse einfach auch nicht so spannend, da jetzt jemanden zu outen. Es wäre viel spannender, einen Mann zu finden und den zwangszuouten. Diese Dreiecksgeschichte war ja auch nicht das Superding. Es stand zwei Tage in der Presse und dann war’s wieder vorbei. Ich glaube, die Konsequenzen wären minimal, aber das Blöde an Ängsten ist eben, dass man nicht mit Argumentationen kommen kann, weil sie irrational sind.

Im dritten und letzten Teil am Donnerstag spricht Walther dann über die Probleme in kleineren Vereinen und unteren Ligen, die deutsche Situation im internationalen Vergleich und über die ersten Schritte des DFB, sich der Problematik zu öffnen.

Tags: , , , , ,

6 Kommentare »

  • FussballCHIP sagt:

    Ich liebe diese Überschrift! Zum einen gibt der DFB nicht die Moralvorstellungen der Gesellschaft wieder, sondern als Verein muss er sich der „Norm“ anpassen. Aber vor allem ist es so lustig den DFB bei diesem Thema um Schützenhilfe zu bitten. Wegen Seilschaften bei UEFA und FiFa geht doch bei denen keiner durch irgendein Feuer 🙂 🙂 Das ist nicht in seiner Natur wie die WM Einnahmen belegen! (Sportfunktionäre) Bsp: WM Tickets auf Jamaika oder so ….

    (0)
  • Rainer sagt:

    Mein Eindruck: Als Spitzenfußballer schwul zu sein ist eine Unmöglichkeit. Unter den Freunden und Freundinnen des Frauenfußballs spielt es wohl keine Rolle ob eine Spielerin lesbisch, hetero oder was weiß ich ist. Ich interessiere mich für den Sport, kenne ein paar Spielerinnen, lesbische wie hetero, aber das entscheidende Kriterium für mich ist doch wie die Menschen sind.
    Enzensberger hat mal geschrieben „es gibt deutsche Arschlöcher und ausländische Arschlöcher“ (das ist ein Zitat) und genauso, ich weiß es ist eine Binsenweisheit gibt es nette und blöde Heteros, nette und blöde Lesben und Schwule. Punkt und Ende.

    Dass diejenigen, die den Frauenfußball belächeln, verhöhnen und mich belächeln, wenn ich sage, dass ich mich allmählich ziemlich gut in der (schwedischen) Liga auskenne, dann mit Stereotypen wie „die Frauen sind doch alle Schränke“, „alle lesbisch“ kommen, erklärt sich aus der verklemmten Tradition einerseits und andererseits weil es ein „schönes“ Argument ist, den Frauenfußball zu diskreditieren.

    Wie Frau Walther richtig sagt, Schwule und Frauen können eben keinen Fußball spielen, glauben einige zu wissen.

    Der Schwede Freddie Ljungberg bei Arsenal und in der Nationalmannschaft ist eine Schwulenikone. Ob er nun schwul ist oder nicht ist seine Privatsache. Wenn er es wäre, so what? Aber er ist auch nicht verpflichtet, sich da zu outen oder überhaupt was dazu zu sagen. Was im Schlafzimmer passiert, ist seine Sache. Wir sollten den Sport begleiten, wenn wir ihn mögen und die Spieler nett oder doof finden, je nachdem wie sie sich charakterlich verhalten und nix weiter.

    Wir schreiben das Jahr 2007.

    (0)
  • FussballCHIP sagt:

    Als würden alle Frauen den Feminismus verstehen 🙂 Das Problem mit Schwulsein oder nicht hat 2 Seiten: Auf der einen Seite ist da die sexuelle Einstellung, die ins Privatfeld gehört. Und dann ist da noch wie sich Schwule und Nicht-schwule geben in der Öffentlichkeit im Verhältnis zu Werten und Normen. EminEm drückt es sehr gut aus: Gay und Gayness. Will heissen es gibt Heteros, die „schwul“ sind! GAY = Good As You Manche „Schwule“ verstecken sich hinter Schwulsein und rebellieren somit gegen die Gesellschaft, was nicht zu dulden ist, denn ist ein Missbrauch gegen Heteros.. Das Thema ist auf der einen Seite sehr schwer zu beschreiben, weil alle wörte mit doppelter Bedeutung ausgestattet sind, weil man erst wieder klären muss, ob man nun die sexuelle Einstellung beschreibt, oder Leute, die sich dahinter verstecken um der Norm nur entfliehen, und dadurch Heteros degradieren ..

    Belassen wir es fürs srste mal so 🙂

    (0)
  • schmidt sagt:

    Was meinte der Vater von Birgit Prinz dazu.
    Quelle: DIE ZEIT 02.10.2003 Nr.41

    »Es gibt viele lesbische Spielerinnen. Das ist ein ganz heißes Thema
    «http://www.zeit.de/2003/41/Sport_2fDamenfu_a7ball_41?page=all

    Dass der Anteil lesbischer Spielerinnen in so einer Fußballmannschaft erheblich höher sein dürfte als in einer Balletttruppe, ahnt man zwar, aber geredet wird darüber nicht. »Klar gibt es viele Lesben unter den Spielerinnen«, sagt Stefan Prinz. »Die Birgit hat mir das so erklärt, dass der DFB das Thema meidet, weil man für Lesben schlechter Sponsoren findet. Das ist eine ganz heiße Angelegenheit.« Dann überlegt er. »Ich glaube, die Birgit hat keine Zeit für einen Freund. Aber wenn sie mit einer Frau ankäme, wäre das natürlich auch nicht schlimm. Aber das glaube ich nicht.«

    (0)
  • Eigentor sagt:

    Es bedarf meiner Ansicht nach – bedauerlicherweise – eines Verbotes der Diskriminierung, damit diese nicht mehr stattfindet (ob bewusst oder unbewusst).

    Schlachtrufe zum DFB-Pokalendspiel 2009 wie „Was ist grün und stinkt nach Fisch ? – Schwule Werderaner !“ und „Ihr seid die Fans von Leverkusen, Ihr steht auf Schwänze, nicht auf Busen !“ sind nicht wirklich Ausdruck von Feindlichkeit gegenüber Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex praktizieren, sondern vermutlich eher Ausdruck von absoluter Un-Wertschätzung, Verachtung und Provokation gegenüber den ‚Fans‘ der Gegner.

    Gäbe es ein Verbot dieser verbalen Schwulenhatz, so wären die ‚Fans‘ gezwungen, sich andere Formen zu überlegen, um dieses Höchstmaß an Geringschätzung zum Ausdruck zu bringen.

    Rassismus ist weitgehend verbannt, weil die damit verbundene Diskriminierung untersagt wurde.
    Wäre die Diskriminierung von sexueller Orientierung und Geschlecht nicht mehr gestattet, so würde sich auch in diesem Bereich die reale Situation verändern.
    Ich weiß sehr wohl, wie es ist, als schwuler Mann solchen Verunglimpfungen ausgesetzt zu sein. Es macht Angst – selbst wenn ich persönlich ’natürlich‘ gar nicht gemeint bin. Und diese Angst macht handlungsunfähig. Keine Angst, sondern nur ein müdes Lächeln meinerseits, ernten diejenigen, die nach dem Spiel nicht duschen gehen, wenn sie sehen, dass ich in Richtung Dusche gehe.

    Es könnte recht einfach sein…?

    (0)
  • helena sagt:

    Diskriminierung ist meines Wissens „verboten“, sowohl im Strafgesetzbuch als auch moralisch (religiös: „wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“). Aber das Verbot von Diskriminierung bringt keine Änderung in den Köpfen und Herzen der Menschen. Rassissmus ist auch nicht weitgehen „verbannt“ – weder auf dem Fußballfeld noch im realen Leben. Am 8. November diesen Jahres wurde bei uns in DD die Synagoge beschmiert; geh mal in Foren wie zwigge.de – da lernst Du Rassissmus auf einer einfachen Städteseite für Jugendliche kennen. Und von (verbalen) Angriffen auf Menschen, die „ausländisch“ aussehen oder nach außen „anders“ sind, wird nahezu täglich in den Zeitungen berichtet.

    (0)