Der kanadische Patient

Von am 5. Juni 2007 – 10.09 Uhr

Viele Frauenfußball-Fans haben Bedenken, die WM in China könnte für die deutsche Mannschaft zu einer „Mission Impossible“ werden. Wie etwa unser User „Detlef“, der in einem Kommentar schreibt: „Wie soll es gegen Teams klappen, die bereits 1 Jahr und länger zusammen trainieren und Länderspiele runterbolzen!!!“ Doch dass mehrmonatige Trainingslager alleine auch kein Garant für den Erfolg sind, belegt derzeit Kanada. Im Team des WM-Vierten häufen sich drei Monate vor WM-Beginn die Probleme.

Bereits Mitte Februar haben wir uns in dem Beitrag „Pulverfass Kanada“ mit der unruhigen Situation im kanadischen Team auseinander gesetzt. Damals schrieben wir: „Das Gebilde ruht auf wackligen Füßen“. Und es brodelt mehr denn je, die Stimmung im Team beschreiben Beobachter als nüchtern. Die Suspendierung der drei  im vergangenen Spätsommer aus dem Team geworfenen Nationalspielerinnen wurde zwar inzwischen wieder aufgehoben, doch bis heute warten sie vergeblich, wieder in den Kader aufgenommen zu werden.

Man war also gespannt, wie Kanada den ganzen Trubel wegstecken und in die WM-Saison starten würde. Die Bilanz nach vier Spielen ist ernüchternd: Drei Niederlagen (1:2 und 1:3 in China, 2:6 in den USA) und ein wenig überzeugender 3:0-Sieg in Neuseeland gegen den ersatzgeschwächten WM-Newcomer am vergangenen Sonntag stehen zu Buche.

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„Neuseeland ist ein Abenteuer für uns“, sagt Kanadas Trainer Even Pellerud und betont die Wichtigkeit, gegen international hochkarätige Teams Spielpraxis zu sammeln. Doch er verschweigt die wahren Gründe, warum sein Team in der WM-Saison bisher viermal auswärts spielte und dabei zweimal um den halben Erdball flog.

Kein Geld für Heimspiele

Zum einen gestaltete sich die Suche nach geeigneten Testspielgegnern schwierig. Noch gravierender: Ein Heimspiel ist paradoxerweise schlicht und einfach zu teuer. Auf rund 30.000 Euro belaufen sich die Kosten, die aus eigener Tasche aufzubringen wären – für die Ausgaben des gegnerischen Teams und die Produktionskosten einer TV-Übertragung. Eine ganze Stange Geld bei einem Budget von etwa 100.000 Euro in der WM-Saison. Es ist also billiger, zu Auswärtsspielen zu reisen. Zum Vergleich: Nachbar und Weltranglisten-1. USA verfügt über ein Jahresbudget von fast 7,5 Millionen Euro.

Ein Sponsor ist weit und breit nicht in Sicht. Vom kanadischen Fußballverband (CSA) kommt nur wenig Unterstützung, der Fokus liegt ganz auf der in wenigen Wochen in Kanada stattfindenden U-20-Weltmeisterschaft der Männer. Die Fußballfrauen werden dementsprechend in der Öffentlichkeit nur als Randnotiz wahrgenommen.

Kanadas Trainer Even Pellerud glaubt dennoch, dass sein Team reif ist für den WM-Titel. „Wir brauchen einfach noch ein paar Spiele, um unsere Fitness zurück zu bekommen.“ Die man sich offensichtlich in den wochenlangen ausgedehnten Trainingseinheiten in Vancouver nicht erarbeitet hat. Doch vielleicht schafft man es ja, bei den Panamerikanischen Spielen vom 13. bis 29. Juli in Rio de Janeiro langsam in Form zu kommen.

Pellerud glaubt, dass seine Spielerinnen besser vorbereitet in die WM gehen werden als vor vier Jahren, wo man erst im Halbfinale gegen Schweden unterlag. Damit mag er Recht haben, doch das dürfte wohl für die meisten anderen WM-Teilnehmer ebenfalls zutreffen. Gehört Kanada also zum Favoritenkreis? Ich habe meine Zweifel.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.