Schweiz: Mit Überraschungssieg zu mehr Anerkennung?

Von am 9. Mai 2007 – 10.06 Uhr 5 Kommentare

sui_ned_plakat.jpgWenn die Schweizer Frauenfußball-Nationalmannschaft am heutigen Mittwoch in der EM-Qualifikation die Niederlande empfängt, steht mehr auf dem Spiel als nur drei Punkte.

Es geht vielmehr darum, endlich einmal einem der „Großen“ ein Bein zu stellen. Um so in der öffentlichen Wahrnehmung mehr zu sein als eine bloße Randnotiz. 

Denn der Frauenfußball kämpft in der Schweiz nach wie vor mit mangelnder Anerkennung und Akzeptanz. Doch die Voraussetzungen für einen Erfolg sind nicht gerade günstig. Noch nie konnten sich die Schweizerinnen für die Endrunde einer Welt- oder Europameisterschaft qualifizieren. Dementsprechend gering ist das Interesse, das man den Frauenfußballerinnen entgegen bringt.

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Dabei gibt es im Schweizer Fußballverband inzwischen fast 18.000 gemeldete Spielerinnen, die Zahl hat sich seit 2004 verdoppelt. Tendenz weiterhin steigend. Doch Hauptsponsor Swisscom scheint das nicht genug zu sein. Ende Juni wird man nach zwei Jahren sein Engagement im Frauenfußball beenden. Man wolle sich auf die EM 2008 konzentrieren, der Frauenfußball bewege nicht die Massen, die Sache sei aus Sicht der Firma nicht weltbewegend gewesen, so ein Sprecher.

Schweiz will Gruppendritter werden

Das Team von Trainerin Béatrice von Siebenthal lässt sich davon nicht beirren und peilt in Gruppe 4 den dritten Platz hinter Deutschland und den Niederlanden an. Denn die vier besten Gruppendritten bekommen die Chance, in Play-off-Spielen gegen einen Gruppenzweiten quasi durch das Hintertürchen einen Startplatz bei der EM 2009 zu ergattern.

Wie schwer dieses Unterfangen jedoch wird, bekamen die Schweizerinnen bereits am vergangenen Samstag zu spüren. Mit viel Mühe und einigem Glück gewann das Team mit 1:0 gegen Belgien. Gegen die Niederlande hofft man auf weitere Punkte, doch von Siebenthal weiß: „Das wird nicht einfach, die Niederländerinnen sind mit ihrer Schnelligkeit und ihrer Erfahrung ein sehr starker Gegner.“

Ungebremster Optimismus

Zumal die Niederlande in der Weltrangliste (18.) ein gutes Stück vor den Schweizerinnen (31.) liegt, zuletzt mit guten Ergebnissen gegen starke Gegner aufhorchen ließ und auch bei der 1:5-Niederlage in Deutschland nicht so schlecht war, wie es das Ergebnis vermuten lässt. Trotzdem glaubt Siebenthal an ihre Chance: „Jedes Spiel beginnt wieder bei 0:0.“

Das Erfolgsgeheimnis, um gegen die Niederlande zu bestehen? „Wir müssen versuchen, so lange wie möglich kein Tor zu kassieren, dann wird der Gegner nervös“, glaubt Fabienne Dätwyler und Siebenthal ergänzt: „Insbesondere die Defensive muss Fortschritte machen, um gegen die Holländerinnen bestehen zu können.“

Der jungen Schweizer Mannschaft mangelt es vor allem an Erfahrung. Das Durchschnittsalter des Teams liegt unter 21 Jahren, die ganze Mannschaft hat es zusammen bisher auf 176 Länderspiele gebracht, gerade einmal 16 mehr als Birgit Prinz alleine.

Torflaute und löchrige Defensive

sui_buerki.jpgDie Defensive wackelte zuletzt gegen Belgien gewaltig, in der Offensive hat man in den vergangenen sechs Partien gerade einmal zwei Tore erzielt. Vor allem in punkto Athletik weist das Team deutliche Defizite auf, die auch im Spiel gegen die Niederlande ein entscheidender Faktor sein dürften. Alle Schweizer Spielerinnen sind Amateure und gehen einer geregelten Arbeit nach, keine optimalen Voraussetzungen.

In Zukunft sollen mehr Schweizerinnen ins Ausland wechseln, um das Team langfristig durch internationale Erfahrung zu verstärken. Bisher haben vier Spielerinnen diesen Sprung geschafft. Vanessa Bürki (Bayern München), Marisa Brunner (SC Freiburg) und Lara Dickenmann (Ohio State University). Dazu kommt seit einigen Wochen auch noch Supertalent Ramona Bachmann (Umeå IK).

Mit Showprogramm die Zuschauer locken

Rund um die beiden EM-Qualifikationsspiele gegen Belgien und die Niederlande versucht man mit der Einbindung eines Showprogramms mehr Zuschauer zu mobilisieren. „Mit Fußball allein bringen wir nur wenige Leute ins Stadion. Das Publikum braucht ein Event“, so von Siebenthal. 650 Zuschauer waren es gegen Belgien, gegen die Niederlande dürften es an einem Wochentag trotz Rahmenprogramm wohl nicht viel mehr werden.

Fraglich ist auch, ob der neu gegründete Frauenfußball-Rat, besetzt mit Vertretern aus Show und Politik, für neue Impulse sorgen und für eine breitere Akzeptanz in der Öffentlichkeit sorgen kann.

Die Schweizer Nationalmannschaft kann wohl nur selbst mit Siegen das Interesse der Öffentlichkeit befeuern. Ein Erfolg gegen die Niederlande käme da als Initialzündung gerade recht.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

5 Kommentare »

  • Dick sagt:

    Wir, ein kleines Gruppchen, Niederländer in Luzern und Umgebung haben mehrmals versucht Informationen über dieses Spiel zu erhalten, da wir heute abend natürlich „Nederland“ unterstützen werden. Wir haben weder ausfindig machen können, wo wir Billette im Vorverkauf kaufen konnten, noch wusste man beim Verkehrsverein lange überhaupt vom Spiel. Auch haben wir in Luzern (20 min. von Zug) keine Plakate gesehen. Per Zufall haben wir von diesem Spiel erfahren und Info via SFV erhalten. Also hoffen wir auf ein gutes Spiel: Hopp Schwiiz / Hup Holland Hup.
    Dick

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  • Antje sagt:

    Was ist denn mit Torhueterin Kathrin Lehmann von Wacker Muenchen? Die spielt doch auch fuer die Schweiz und ist laut ihrer Website in der Schweiz ziemlich bekannt.

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  • Markus Juchem sagt:

    Bekannt ja, aber nicht im Nationalmannschaftskader der beiden EM-Qualifikationsspiele gegen Belgien und Holland. Im Tor sind dort Marisa Brunner vom SC Freiburg und Janine Chamot vom FFC Bern nominiert.

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  • Markus Juchem sagt:

    Dick, schildere uns doch mal Deine Eindrücke vom Spiel. Muss ja ein aufregendes Spiel gewesen sein mit dem aus Deiner Sicht leider verschossenen Handelfmeter und dem späten Ausgleich für die Schweiz. Wie war denn die Stimmung im Stadion?

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  • Markus Juchem sagt:

    Hier noch eine schöne Ergänzung von Chico Koch, der in der Schweiz das Frauenfußball-Forum http://www.frauenfussball-forum.ch betreibt.

    Er schickte uns eine Liste aller derzeit noch aktiven Schweizer Spielerinnen, die im Ausland tätig sind.

    Es sind dies: Marisa Brunner (SC Freiburg, Deutschland), Sandra de Pol (FC Bayern München, Deutschland), Vanessa Bürki (FC Bayern München, Deutschland), Jasmin Schnyder (Floya, Norwegen), Lara Dickenmann (Ohio State Univ / Jersey Sky Blue, USA), Daniela Schwarz (Toronto Lady Lynx, Kanada), Kathrin Lehmann (Wacker München, Deutschland), Nadja Pulimeno (LASK Ladies, Österreich) und Ramona Bachmann (Umeå IK, Schweden).

    Bereits früher hatten Spielerinnen den Sprung in die Bundesliga geschafft, darunter auch Nadja Gäggeler (zuletzt 2005 SG Essen-Schönebeck).

    Vielen Dank!

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