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Essens Manager Wissing: “Der WDR rief einfach an!”

Von am 6. April 2007 – 17.08 Uhr

Willi WissingWenn am Sonntag gegen 10.45 Uhr (siehe Pokal-Halbfinale im TV) im Essener Stadion „Am Hallo“ die Kameras des WDR in Betrieb genommen werden, dann bedeutet das für den Frauenfußball eine Premiere. Zum ersten Mal wird ein Halbfinale im DFB-Pokal live im Fernsehen übertragen. Wie es dazu kam, wie sich das auf die Essener Zukunft auswirkt und welche Planungen die SGS für die nächsten Jahre hat, erzählt Essens Manager Willi Wissing im exklusiven Interview mit womensoccer.de:

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Als ich jetzt versucht habe, Sie zu erreichen, war mehrfach besetzt. Ihr Telefon steht vermutlich kaum noch still, nehme ich an?

Das stimmt, hier geht’s richtig ab derzeit. Insgesamt sind bei uns 60 Wünsche für Presseakkreditierungen eingegangen. Wir haben das Fernsehen von WDR und ZDF hier, die regionalen Sender OK43 und nrw.tv wollen auch senden, müssen aber noch die Rechtelage klären.

Das stellt wahrscheinlich alles bisher in der Bundesliga Dagewesene in den Schatten?

Absolut, das sind ganz andere Maßstäbe. In der Bundesliga sind es mal fünf Pressevertreter, aber mehr nicht.

„Das sind ganz neue Dimensionen“

Sie betonen auch immer wieder, dass das wichtigste Spiel der Vereinsgeschichte bevorsteht…

Ja, das sind ganz neue Dimensionen, in die wir vorstoßen. Die Bild-Zeitung berichtete auf einer Sonderseite, auf dem RevierSport sind wir ganz vorne drauf. In ganz Essen hängen Plakate an den Straßen. Ich denke, das übertrifft auch das, was bisher bei Frankfurt vor UEFA-Cup-Spielen los war. Wer in Essen lebt und von diesem Spiel nichts mitbekommen hat, der liest keine Zeitung, schließt sich zu Hause ein oder ist in Urlaub.

Also rechnen Sie mit einem ausverkauften Stadion?

Ja, bisher sind 2600 Karten weggegangen und es gehen immer noch einige Anfragen ein.

Gibt es dann noch Karten an der Tageskasse?

Ja, das schon noch. Ich denke, 350 Karten werden wir da dann noch verkaufen können.

„Ich hoffe, dass lautstarke RWE-Fans kommen“

Und haben Sie Rückmeldungen bekommen, wieviele Karten beim Spiel von Rot-Weiss Essen (siehe Kooperation mit RWE) verkauft werden konnten?

Ja, dort sind 150 Karten weggegangen. Wir wollten auch rüber zu dem Spiel, um uns zu bedanken, aber das hat sich leider zeitlich überschnitten. Jetzt hoffen wir natürlich, dass unter diesen 150 auch lautstarke Fans dabei sind.

Wird von RWE auch jemand aus dem Vorstand da sein?

Ja, der Präsident Rolf Hempelmann wird kommen. Die beiden Oberbürgermeister haben sich angesagt. Dr. Zwanziger (DFB-Präsident, Anm.) wird kommen und mit großer Wahrscheinlichkeit auch Otto Rehhagel.

Erzählen Sie uns doch mal, wie es dazu kam, dass ich der WDR entschlossen hat, die Partie in voller Länge live zu übertragen?

(lacht) Der WDR rief mich an und sagt: „Wir übertragen das Spiel live. Können Sie das Spiel von 14 Uhr auf 11 Uhr verlegen?“ Punkt (lacht wieder).

„Wir waren total geplättet“

Da müssen Sie doch fast vom Stuhl gefallen sein, hat sich der WDR doch bisher nicht als übermäßig frauenfußballbegeistert zu erkennen gegeben?

Klar, wir waren völlig geplättet. Darauf, dass der WDR ein Halbfinal-Spiel überträgt, waren wir ja gar nicht vorbereitet. Das ist völlig ungewöhnlich, ist schließlich das erste Mal, dass überhaupt ein Halbfinale übertragen wird. Man darf ja auch nicht vergessen, dass man die Lokalsender mittlerweile fast in ganz Deutschland sehen kann. Da werden hoffentlich viele vor der Kiste sitzen und um 11 Uhr sonntagmorgens die Zuschauerquoten hochschnallen lassen, wenn die meisten noch in der Kirche sind (lacht).

Hat Ihnen diese Liveübertragung und die damit verbundene größere Reichweite auch nochmal neue Werbepartner eingebracht?

Nicht speziell nur für dieses Spiel. Wir haben einige Werbepartner für die Saison gewonnen mit Option für das nächste Jahr, aber wir haben keine Werbeverträge nur für dieses Spiel abgeschlossen.

„Wir können uns nur noch mit Nationalspielerinnen verstärken“

Willi Wissing

Bedeutet das zusätzliche Einnahmen auch für neue Spielerinnen?

Es sind zusätzliche Einnahmen. Wir haben eine gute Truppe und wenn wir uns verstärken wollen, dann geht das eigentlich nur noch über Nationalspielerinnen. Anders können wir uns nicht mehr verstärken. Aber davon sind nicht ganz so viele auf dem Markt.

Haben Sie da konkrete Spielerinnen im Auge?

Ja, aber wir haben einen langsamen Weg vor. Wir sind jetzt das dritte Jahr in der Bundesliga und wir müssen auch nicht nächstes Jahr Pokalsieger oder Meister werden. Bis 2011 wollen wir uns langsam dahin entwickeln. Am besten wäre natürlich, bei einer WM 2011 Meister zu werden, was dann eine besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht (lacht). Nein, aber unser Konzept ist auf 2011 ausgerichtet. Dazu gehört auch, dass unsere 2. Mannschaft im nächsten oder übernächsten Jahr den Aufstieg packen soll.

Sind am Sonntag alle Spielerinnen dabei und auch Linda Bresonik wieder fit?

Es sind alle einsatzbereit, aber natürlich nicht alle fit, wenn man länger pausiert hat. Aber ich hoffe, wir können am Sonntag mit der stärksten Grundformation antreten.

In den letzten Woche lief es nicht mehr ganz so gut. Woran machen Sie das fest?

An den Verletzungen. In Hamburg haben wir zum Beispiel ohne acht Stammspielerinnen gespielt, ein anderes Mal ohne sieben. Das kann in diesem Ausmaß meines Erachtens kein Verein wegstecken, auch der FFC Frankfurt nicht. Wenn da eine Birgit Prinz fehlt, dann noch Rottenberg, Lingor im Mittelfeld und noch Wimbersky, dann möchte ich mal sehen, was da los ist. Das geht nicht.

Eine gewisse Rolle hat aber bestimmt auch gespielt, dass die Spielerinnen im Kopf schon bei dem Spiel am Sonntag waren?

Bestimmt, ja, gegen Bad Neuenahr sah das genau so aus. Viel zu weit weg, keine Zweikämpfe…

…keine Verletzungen…

Genau, ja, dieses Gefühl hat man gehabt. Wahrscheinlich passierte das vor allem unterbewusst.

„Wir haben seit zwei Wochen einen 18-Stunden-Tag“

Dann ist es auch ganz gut, wenn das Spiel dann endlich mal gelaufen ist….

Das ist mit Sicherheit so. Dann können wir uns wieder aufs Wesentliche konzentrieren! Auch für uns, denn wir haben hier ja eigentlich seit zwei Wochen einen 18-Stunden-Tag.

Möchten Sie für das andere Halbfinale einen Tipp abgeben oder wird das eine klare Sache für Frankfurt, nachdem auch Siegfried Dietrich von einem „Traumlos“ sprach?

Also ich sage es mal so: Wenn man vier Mannschaften im Topf hat und zieht dann Saarbrücken, dann ist das mit Sicherheit immer das Traumlos, weil es die vermeintlich schwächste Mannschaft ist. Frankfurt ist der große Favorit. Auf der anderen Seite darf man auch solche Gegner nicht unterschätzen. Ich darf mal daran erinnern, dann Frankfurt vor ein paar Wochen gegen Rheine nur 0:0 gespielt hat. Es geht nur um ein Spiel, und da kann eine Mannschaft immer mal über sich hinaus wachsen. Wieder was fürs Phrasenschwein, aber im Pokal ist alles möglich. Das ist etwas anderes als die Meisterschaft, denn im Pokal kann ein schlechtes Spiel reichen, schon ist man draußen.

Und wie tippen Sie Ihr Spiel?

Es wird eine knappe Sache. Duisburg ist natürlich klarer Favorit. In fünf Meisterschaftsspielen haben wir fünf Mal verloren. Auf der anderen Seite war das letzte Spiel in Duisburg sehr knapp und mit ein bisschen Wohlwollen der Schiedsrichterin auch zu gewinnen gewesen. Wir sind nah dran, aber Duisburg hat natürlich die besseren Einzelspielerinnen.

Ihr Vorteil ist aber, dass Duisburg mehr unter Druck steht, weil sie einen Titel vorweisen möchten…

Ja, Duisburg steht unter Druck. Es wird übertragen, für uns ist das schon ein Endspiel. Für Duisburg erst das Halbfinale.

„Der WDR soll sich danach fragen: ‚Warum haben nicht früher ein Frauenspiel übertragen?'“

Aber die finanziellen Begleiterscheinungen eines Finaleinzugs sind auch nicht zu verachten…?

Ja, logisch. Das ist ja das einzige, wo man im Frauenfußball Geld verdienen kann. Das wäre schon ein Traum und würde uns mit Sicherheit weit nach vorne bringen. Aber vor allem möchte ich, dass der WDR sich hinterher fragt: Warum haben wir eigentlich noch kein Frauenspiel übertragen? Gegen Potsdam haben wir im letzten Jahr beim sechsten Elfmeter verloren, als die noch richtig gut waren. Ich hoffe, dass wir diesmal mit dem sechsten Elfmeter gewinnen (lacht).

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