Jagdszenen in Südfrankreich

Von am 4. April 2007 – 1.52 Uhr

Dass die südfranzösische Metropole Marseille ein sozialer Brennpunkt der besonderen Art ist, ist kein Geheimnis. Unkontrollierte Kriminalität, Jugendbanden, Prostitution und die Probleme zahlreicher Einwanderer machen die Stadt zu einem hoch explosiven Gemisch, wie auch Jean-Claude Izzo in seiner Marseille-Trilogie bereits eindrucksvoll beschrieb. Kann es einen da noch verwundern, dass die Gewalt nun auch den Frauenfußball erreicht hat?

Was sich vor exakt vier Wochen im Anschluss an das Zweitligaspiel zwischen Celtic de Marseille und Saint-Maur VGA ereignete, klingt wie eine Szene aus einem schlechten Film. Doch es war bittere Realität. Es begann auf dem Fußballplatz mit vier Roten Karten (zwei auf jeder Seite) sowie einem verbalen Geplänkel. Und es eskalierte drei Stunden später in einer gewaltsamen Auseinandersetzung ungekannten Ausmaßes.

Sieben Spielerinnen von Celtic de Marseille samt zweier „Freunde“ lauerten den auf dem Heimweg befindlichen Spielerinnen aus Saint-Maur, einer Ortschaft nahe Paris, am Bahnhof auf. Das Ergebnis: Neun verletzte Spielerinnen, davon einige alles andere als leicht. Eine Saint-Maur-Spielerin musste einen Schlag mit einem Helm einstecken, wurde für zwei Wochen krankgeschrieben und für berufsunfähig erklärt.

Anzeige

Die Disziplinarkommission des französischen Fußballverbands FFF hat nun zu Recht hart durchgegriffen und drakonische Strafen ausgesprochen: Celtic de Marseille wird bis zum Ende der laufenden Saison vom Spielbetrieb ausgeschlossen und muss per Zwangsabstieg in der kommenden Spielzeit in der Regionalliga spielen.

Marseilles Mittelfeldspielerin Jennifer Atmani darf wegen ihres brutalen Vorgehens drei Jahre lang nicht mehr Fußball spielen, ihre Teamkolleginnen Justine Arca, N’doumbé Ciss und Aurore Lyons wurden für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen.

Einmal mehr wird deutlich, dass Gewalt im und rund um den Fußballsport ein gesellschaftliches Phänomen ist. Das harte Strafmaß alleine mag zur kurzfristigen Abschreckung taugen. Das generelle Problem löst es auch in Marseille nicht.

Tags: , , , , , , ,

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.