Tritschoks: “Wir müssen uns an internationalen Maßstäben orientieren”

Von am 24. März 2007 – 23.49 Uhr

Hans-Jürgen TritschoksIm exklusiven Interview mit Womensoccer.de äußerte sich der Trainer des 1. FFC Frankfurt wenige Stunden vor dem Bundesligagipfel gegen Duisburg über die Bedeutung des Spiels, die Zukunft seines Vereins, den Nachholbedarf der Konkurrenz und die Situation im Ausland.

Womensoccer.de: Herr Tritschoks, wie sieht die Personalsituation beim 1. FFC Frankfurt vor dem Spitzenspiel gegen den FCR 2001 Duisburg aus?

Hans-Jürgen Tritschoks: Die Lage hat sich nicht wesentlich entspannt. Wir haben Langzeitverletzte und auch kranke Spielerinnen wie etwa Louise Hansen. Von dieser Warte aus ist die Personaldecke nicht so, wie ich es mir vorstelle, aber mit so einer Situation muss jeder Trainer leben.

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Womensoccer.de: Was sagen Sie denn zu den kräftigen Tönen, die im Vorfeld aus Duisburg kamen?

Tritschoks: Natürlich gibt es solche Geplänkel vor einem solchen Spiel und sie gehören sicherlich auch dazu. Gerade im Frauenfußball liegt vieles im psychologischen Bereich. Aber man kommt mit derartigen Aussagen schnell in einen Bereich hinein, von dem man sich im Vergleich zum Männerfußball immer abheben wollte. Das sollte man vermeiden. Mir wird in der Presse oft Lobhudelei vorgeworfen, aber was hat das mit Lobhudelei zu tun, wenn ich Respekt vor meinem Gegner habe?

Womensoccer.de: Sagen Sie einen Satz zum Stellenwert der Partie.

Tritschoks: Wer am Sonntag gewinnt, ist der deutschen Meisterschaft ein großes Stück näher gekommen, da braucht man nicht um den heißen Brei herum zu reden. Psychologisch gesehen wird der Gewinner klar im Vorteil sein, daran ändert auch das Restprogramm nichts.

Womensoccer.de: Wie beurteilen Sie den bisherigen Saisonverlauf?

„Ich hätte gedacht, dass es enger zugehen wird“

Tritschoks: Ich finde es schade, dass nach nur etwas mehr als der Hälfte der Saison zwei Mannschaften elf Punkte Vorsprung haben. Ich hätte gedacht, dass es enger zugehen wird. Neuenahr hat Verletzungssorgen und ich dachte auch, dass Essen die Liga würde etwas offener gestalten können. Jetzt kommt doch wieder etwas Langeweile rein.

Womensoccer.de: Wird der Erfolg des Frauenfußballs in Deutschland in Zukunft davon abhängen, dass mehr Teams um den Titel mitspielen können?

Tritschoks: Wir brauchen eine attraktive Liga, dann sind wir auch für andere Bereiche interessanter. Ich brauche Klasse und Spannung, wo acht, neun Mannschaften um den Titel spielen können. Bringt es den Fußball wirklich weiter, wenn Teams mit zehn Spielerinnen hinten drin stehen, ein 0:0 ermauern, und sich dann freuen, dass ihre Taktik aufgegangen ist? Die Arbeit von DFB und Präsident Zwanziger ist wichtig. Aber es sind alle gefordert, jeder muss im Rahmen seiner Möglichkeiten mehr machen, sonst werden wir irgendwann ins zweite Glied zurückfallen.

Womensoccer.de: Wie sehen Sie die Entwicklung in anderen Ländern?

„Wir müssen uns an internationalen Maßstäben orientieren“

Hans-Jürgen Tritschoks Bild 2Tritschoks: Wenn man vor allem nach Skandinavien schaut, nach Norwegen und Schweden, dann muss man sagen, dass dort im Prinzip schon Profis spielen. Nehmen Sie die Spielerinnen von Umeå, das sind Vollprofis, die machen doch nichts anderes.

Womensoccer.de: Ist das die Richtung, in die der FFC Frankfurt auch gehen muss?

Tritschoks: Ja, denn wir wollen zur europäischen Spitze gehören. Wir müssen uns an internationalen Maßstäben orientieren, und auch ein dementsprechendes Teampotenzial aufbauen, sonst gehen wir baden. Auch wenn andere uns beschimpfen, wir würden alle Spielerinnen weg kaufen. Mit unserem neuen hauptamtlichen Koordinator Ronny Boretti schlagen wir ganz neue Wege ein. Ich habe momentan 13, 14 Feldspielerinnen zur Verfügung. Wenn wir noch in einem internationalen Wettbewerb spielen würden, würde das nicht ausreichen. Unsere Kritiker sollten sich mal die Kader anderer Vereine ansehen, wie etwa bei Arsenal, Kolbotn oder Umeå, wo fast nur Nationalspielerinnen spielen, keine Spielerinnen aus dem Jugendbereich.

Womensoccer.de: Auf diesem Hintergrund wird es also weitere Verpflichtungen geben?

Tritschoks: Das ist ganz klar. Wir müssen zweigleisig fahren. Wir brauchen erfahrene Spielerinnen, wir werden aber auch noch die eine oder andere junge Spielerin und dazu auch einige aus der eigenen U-16 hoch holen. Mit Meistertitel und erster oder zweiter Runde UEFA-Cup kann ich mich nicht zufrieden geben und es wird insgesamt immer enger, auch wenn wir etwas Pech hatten diese Saison.

Womensoccer.de: Die Mischung muss also stimmen?

„Ich habe da eine andere Einstellung als Bernd Schröder“

Tritschoks: Ich habe da eine andere Einstellung als Bernd Schröder. Es ist doch viel schwieriger oben zu bleiben, als hoch zu kommen. In fünf Jahren ist vielleicht alles den Bach runter gegangen. Ich denke, es müsste dort doch auch eine Verpflichtung gegenüber den Sponsoren geben. Ich kann nicht sagen: Gebt mir Geld und wir sehen dann, dass wir in fünf Jahren international dabei sind. Das ist kein guter Weg.

Womensoccer.de: Warum holt der FFC nicht mal schwedische oder amerikanische Top-Spielerinnen?

Tritschoks: Wir haben diese Frage sehr lange und kontrovers diskutiert. Letztes Jahr hatten wir das Problem mit unserer Torhüterin Marlene Wissink, die wir vor dem wichtigen Spiel in Potsdam für ein WM-Qualifikationsspiel abstellen mussten. Im Frauenfußball ruht nicht wie bei den Männern der komplette Spielbetrieb, wenn die Nationalmannschaften spielen. Was nützen die besten Spielerinnen, wenn man sie dann in wichtigen Spielen oft nicht einsetzen kann? Wir sehen uns deswegen lieber auf dem deutschen Markt um, da wissen wir, dass der Spielbetrieb ruht, wenn die Nationalmannschaft spielt.

Womensoccer.de: Warum gibt es generell nur wenige ausländische Top-Spielerinnen in Deutschland?

Tritschoks: Es gibt nur relativ wenige Verein, die sich solche Spielerinnen finanziell überhaupt leisten können. Ich kann Ihnen keine zehn Spielerinnen nennen, die aus einer der Topligen aus Schweden, Finnland, Norwegen oder vielleicht noch Frankreich kommen. Es hat aber auch eine gute Seite, dann haben auch unsere Talente die Chance, sich weiter zu entwickeln.

Womensoccer.de: Apropos Talente, warum schaffen viele nie den Sprung ganz nach oben?

„Viele lehnen sich selbstzufrieden zurück“

Tritschoks: Viele lehnen sich selbstzufrieden zurück. Ihnen reicht es, in der Bundesliga zu spielen. Das ist auch ein gesellschaftliches Problem. Wie viele Spielerinnen von uns waren schon in der A-Nationalmannschaft? Auf der einen Seite ist das gut, aber es hat auch seine Kehrseite. Ich finde es gut, dass Frau Neid klar sagt, wer nicht mitzieht, bleibt auf der Strecke.

Womensoccer.de: Wie können andere Vereine Boden gut machen?

Tritschoks: Bei zahlreichen Vereinen wird von Jahr zu Jahr gearbeitet, aber es fehlt die klare langfristige Konzeption, wo man in vier, fünf Jahren stehen will. Ich arbeite in einem Umfeld wie in einem Schlaraffenland, wobei es auch bei uns noch einiges zu verbessern gilt, wie etwa die Trainingsmöglichkeiten.

Womensoccer.de: Welche Teams sehen sie in den kommenden Jahren einen Sprung nach vorne machen?

Tritschoks: Wolfsburg wird in zwei, drei Jahren eine Mannschaft haben, die oben mitspielen wird. Auch in Essen wird im Rahmen der Möglichkeiten viel gemacht. Ich habe viel Respekt vor der Arbeit, die dort von Willi Wißing und Ralf Agolli geleistet wird.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.