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Kommt Deutschland noch rechtzeitig in WM-Form?

Von am 16. März 2007 – 23.15 Uhr

Die Körpersprache der deutschen Nationalspielerinnen zur Halbzeit im Spiel gegen Italien spricht Bände.Albufeira – Als Bundestrainerin Silvia Neid nach der 0:1-Schlappe gegen Italien in Olhão vor eine Handvoll deutscher Medienvertreter trat, schaufelte der nahe gelegene Atlantik gerade wie häufig in diesen März-Tagen einen kräftigen kühlen Wind herüber. Eine sinnbildliche Szene für den derzeitigen Gegenwind, der die 42-Jährige 19 Monate nach ihrem ersten Einsatz als Cheftrainerin zu Beginn des Algarve Cup ungewöhnlich dünnhäutig reagieren ließ.

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Zu plötzlich und unerwartet hatte Neid die Schwächephase der Sieg verwöhnten deutschen Spielerinnen getroffen, als dass sie sofort in der Lage gewesen wäre, souverän mit der ungewohnten Situation umzugehen. Dass dieser Tage zudem Neids Vorgängerin Tina Theune-Meyer während der deutschen Spiele oft in ihrem Blickfeld Fotos schoss, dürfte das angekratzte Nervenkostüm auch nicht unbedingt beruhigt haben.

Das Abschneiden beim Vier-Nationen-Turnier in China hatte man noch als Betriebsunfall abgetan, weil zahlreiche Stammspielerinnen nicht mit dabei waren. Doch spätestens in Portugal wurden die Probleme der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft schonungslos aufgedeckt.

Jetzt in Olhão schien Neid trotz der peinlichsten der drei Niederlagen ihre Sicherheit wieder ein wenig zurück gewonnen zu haben. Mit fester Stimme erklärte sie den Algarve Cup für abgehakt und überraschte mit schwer nachvollziehbaren Aussagen. Es sei ihr – anders als vor Turnierbeginn noch offiziell verkündet –  lieber, das Turnier nicht gewonnen zu haben, das Spiel gegen Italien würde sie „nicht so eng“ sehen, Ariane Hingst habe ein „gutes Turnier“ gespielt und komme „langsam in WM-Form“.

Neid spürt wohl intuitiv, dass offene Kritik an einer weiteren Leistungsträgerin für zusätzlichen Schaden sorgen könnte. Sie hofft, dass Schweden für Hingst so etwas wird, wie der Zaubertrank für Asterix. Ein Lebenselixier der besonderen Art.

Renate Lingor im Spiel gegen Dänemark beim Algarve Cup 2007.Denn vor allem von einigen Schlüsselspielerinnen muss sich Neid in Portugal im Stich gelassen gefühlt haben, wie etwa Renate Lingor, Kerstin Garefrekes oder Kerstin Stegemann. Sonderlob ernteten diesmal andere, wie etwa Melanie Behringer oder Anja Mittag. Neid sagt: „Die Spielerinnen haben nun in den Vereinen die Möglichkeit sich zu zeigen.“ Was fast schon wie ein Hilferuf klingt.

Trainingspläne mangelhaft umgesetzt

Baufällig wie Olhãos Estádio José Arcanjo präsentiert sich derzeit das Spiel der deutschen Mannschaft. Die Elf ist nicht eingespielt, das gegenseitige Verständnis fehlt, viele Pässe kommen nicht an und der dadurch entstehende Mehraufwand an Laufarbeit ist für das Team ein besonders wirksames Gift, ist man doch in Sachen Fitness noch weit von der Bestform entfernt.

Trotz Leistungstests im Dezember und ausgeklügelten individuellen Trainingsplänen von Dr. Norbert Stein, der seit November als Fitnesstrainer der DFB-Damen tätig ist. Doch seine Patientinnen scheinen das Programm entweder nicht verstanden oder die Anweisungen im Winter nur mangelhaft umgesetzt zu haben. 

Andere haben angetrieben von der Angst erneut ein großes Turnier zu verpassen, möglicherweise zu viel getan. Wie etwa eine Bianca Rech, die mit einer Oberschenkelverletzung vorzeitig die Heimreise nach München antreten musste und so etwas wie der Pechvogel im Team der vergangenen Jahre ist, fiel sie doch schon bereits bei der WM 2003 und Olympia 2004 aus.

Schmerzlich wurde so mancher Spielerin an der Algarve bewusst, dass ohne harte Arbeit der Erfolg ausbleibt, auch wenn Deutschland in den vergangenen Jahren ein Abonnement auf Siege zu haben schien. „Es muss alles zusammenpassen, dann läuft das Rad – sonst nicht“, so Neid treffend.

Ironische Prinz

Birgit Prinz kann derzeit nur selten so lachen wie auf dem Foto.„Es war der grandiose Abschluss eines grandiosen Turniers“, bilanzierte Deutschlands Rekordnationalspielerin Birgit Prinz mit Ironie statt der üblichen Kampfeslust – selbst der dreifachen FIFA-Weltfußballerin des Jahres hatte es spätestens nach der Abschlusspleite gegen Italien endgültig die Laune verhagelt.

Prinz meint: „Man muss es differenzierter sehen. Jeder sieht jetzt, wo es hängt, sonst gehört er nicht in den WM-Kader. Es war sehr viel schlecht, aber wir hatten auch gute Ideen. Geredet haben wir genug.“ In den verbleibenden sechs Monaten bis zur WM kann der Wind sich unbestritten wieder drehen, Antworten auf dem Platz sind jetzt gefragt.

Die DFB-Elf ist wahrlich nicht so schlecht, wie sie derzeit aussieht. Dennoch bleibt das unbestimmte Gefühl: reif für den WM-Titel ist diese Mannschaft nicht.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.