Home » DFB-Frauen

Mehr Sand im Getriebe als erwartet

Von am 9. März 2007 – 22.15 Uhr 5 Kommentare

Will man erfahren, wann Deutschland letztmals zwei Niederlagen in Folge einsteckte, muss man in der Statistik schon recht weit zurückgehen. Im Jahr 2000 beim hochkarätigen Einladungsturnier im Rahmen der 100-Jahres-Feierlichkeiten des DFB unterlag die Frauenfußball-Nationalmannschaft gar gleich dreimal hintereinander – gegen China, Norwegen und die USA.

Anzeige

Das Aufbauspiel der auf fünf Positionen veränderten deutschen Startelf bei der 0:1-Niederlage gegen Frankreich im zweiten Spiel beim Algarve Cup war sicherlich weitaus gefälliger war als bei der Niederlage zum Auftakt gegen Norwegen. Der Gegentreffer resultierte aus einem individuellen Stellungsfehler der noch zu den Besseren gehörenden Kerstin Stegemann. Dennoch bleibt festzuhalten: So unverdient, wie Eurosport-Kommentator Ralf Itzel die neuerliche Niederlage bewertete, war sie nicht.

Mangelnde Präzision bei den Pässen, fehlende Abstimmung bei den Laufwegen und Schwächen in der Chancenverwertung zeigen, dass die DFB-Elf von der WM-Form noch weit entfernt ist. Denn trotz optischer Überlegenheit und fast 60 Prozent Ballbesitz wirkte das Spiel der Deutschen seltsam uninspiriert, fehlten Kreativität und Überraschungsmomente.

Defizite im Bereich Fitness

Auch in punkto Fitness – sonst einer der großen Vorteile im deutschen Spiel – kann man derzeit nicht überzeugen. Dabei hatten die Spielerinnen nach dem Leistungstest im Dezember in Köln auf Basis der Ergebnisse individuelle Trainingspläne erhalten. Doch es war wenig zu sehen von den von Neid erwarteten positiven Tendenzen im spielerischen wie konditionellen Bereich.

Konnte man früher häufig Spiele, in denen es nicht rund lief, dank körperlicher Überlegenheit zu einem positiven Ende bringen, hat die Konkurrenz inzwischen sichtbar Boden gut gemacht. So hatte Frankreichs Defensive auch in der Schlussphase nur selten heikle Momente zu überstehen, die harte Gangart der „Bleues“ schien das deutsche Team zudem zu überraschen.

Beste Chance durch Linda Bresonik

Nur bei Einzelaktionen ließ Deutschland Klasse aufblitzen, wie etwa beim Lattenschuss der erstmals in der Verteidigung eingesetzten Linda Bresonik Mitte der zweiten Halbzeit oder dem Aufsetzer von Célia Okoyino da Mbabi in der Schlussviertelstunde. Auch die körperlich robusten Norwegerinnen kamen in der ersten Partie nur selten in Verlegenheit.

„Wir haben gegen Norwegen gespielt und nicht gegen irgendeine kleine Nation“, hatte DFB-Trainerin Silvia Neid nach der Auftaktniederlage gesagt. Doch gegen den Siebten der FIFA-Weltrangliste aus Frankreich hätte man schon ein wenig mehr erwarten dürfen und müssen. Von den in der WM-Qualifikation überwiegend leicht heraus gespielten acht Siegen in acht Spielen mit einem Torverhältnis von 31:3 hat sich das Team möglicherweise ein wenig einlullen lassen.

Sturmflaute

Das mangelnde Ineinandergreifen der verschiedenen Mannschaftsteile sorgt auch für Verunsicherung im Sturm. So fiel im Jahr 2007 in fünf Spielen ein einziger Treffer, der bezeichnenderweise aus einer Standardsituation und nicht aus dem Spiel heraus erzielt wurde.

Noch bleibt sicherlich genügend Zeit, um bis zur WM in China die Schwachstellen auszumerzen. Zudem sind auch andere Nationen, wie etwa die USA oder Schweden, noch deutlich von der Bestform entfernt. So mühten sich die USA zu einem knappen 1:0-Sieg gegen Finnland, Schweden konnte beim etwas glücklichen 1:0-Sieg gegen China ebenfalls nicht überzeugen. Einzig Dänemark wusste beim Algarve Cup bisher nahezu uneingeschränkt zu gefallen, beim 4:0 gegen Frankreich und 1:0 gegen Norwegen.

Den Respekt der anderen nicht verlieren

Dennoch gilt es für Deutschland nun möglichst schnell in die Erfolgsspur zurück zu finden, sonst könnte man einen weiteren Vorteil aus der Hand geben: den Respekt der anderen Nationen vor dem amtierenden Welt- und Europameister. Und bei der immer näher zusammen rückenden Weltspitze kann in China schon der kleinste psychologische Vorteil über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Abseits des Algarve Cup sorgte ein anderer WM-Teilnehmer am Donnerstag für Furore. Das englische Team von Trainerin Hope Powell fegte Russland mit 6:0 vom Platz. Wir dürfen uns also wohl schon jetzt auf eine spannende und ausgeglichene WM freuen. Möglicherweise spannender, als es dem einen oder anderen Deutschland-Fan recht sein dürfte.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

5 Kommentare »

  • Tom Schlimme sagt:

    Ich muss gestehen, ich bin momentan ziemlich ratlos. Ich sehe es schon wie der Kommentator von Eurosport, was die Überlegenheit der deutschen Mannschaft vor allem in der ersten Hälfte angeht. Da haben die Französinnen kaum mal über drei Stationen spielen können, ohne den Ball zu verlieren. Aber schon in der ersten Halbzeit waren die wirklich großen Chancen auf deutscher Seite reichlich dünn gesät – zu dünn angesichts dieser Überlegenheit.
    Es fehlten Kreativität und Überraschungsmomente, da gebe ich dir recht, Markus. Und das führt mich dann zu dem einzigen Punkt den ich für mich selber momentan greifen kann:

    Es mangelt an Eingespieltheit im deutschen Team. Die kann eigentlich auch kaum vorhanden sein, wenn man sich die Aufstellungen der letzten Zeit mal ansieht. Da waren einfach sehr viele unterschiedliche Spielerinnen auf dem Rasen, aus unterschiedlichen Gründen, bedingt durch berufliche Ausfälle, Verletzungen und auch durch den Willen von Silvia Neid, möglichst vielen mal eine Chance zu geben.

    Das Problem ist jetzt aber in meinen Augen, dass bei dieser ganzen Experimentiererei nicht wirklich viel herausgekommen ist – jedenfalls nicht, was das Herauskristallisieren einer Stammelf angeht. Ich befürchte, dass Silvia Neid noch bis zur WM herumprobieren kann, die Spielerinnen, die sie testet, spielen alle ganz gut, aber so richtig klare Erkentnisse sind bei diesen vielen Wechseln nicht zu erwarten.

    Das heißt, ich plädiere dafür, dass sich Silvia Neid jetzt bald auf eine erste Elf festlegt und die verbleibenden Monate bis zur WM nutzt, diese Elf einzuspielen – auch was die Taktik angeht, ich sehe da auch noch keine so richtig funktionierende Strategie auf dem Platz, aber Taktik und eingespieltes Team bedingen sich auch gegenseitig.

    Natürlich kann man auf einzelnen Positionen immer noch verschiedene Spielerinnen testen, ob das jetzt linksaußen in der Viererkette ist oder in der Innenverteidigung oder die zweite Stürmerin neben Birgit Prinz, aber bitte nicht mehr alle Positionen auf einmal kreuz und quer. Also von Spiel zu Spiel nicht mehr als zwei Plätze in der Stammelf variieren, das wäre ein Vorschlag von mir.

    (0)
  • Ich denke, Du hast da den springenden Punkt genannt, Tom. Es mangelt ganz eklatant an Eingespieltheit bei der deutschen Mannschaft. Ich sehe dahingehend zwar keinen großen Unterschied zum letzten Jahr, wo man – vom Algarve Cup abgesehen, wo allerdings auch jeglicher spielerische Glanz fehlte – gegen viele schwächere Gegner vom Ergebnis her dankbare Spiele erwischt hatte. Was in diesem Jahr den Unterschied macht, ist meines Erachtens nur das Ergebnis, das am Ende schwarz auf weiß steht. Das mitunter regelrecht konfuse Agieren in fast allen Mannschaftsteilen ist jedoch keine neue Entwicklung des Jahres 2007. Es ist daher schon etwas amüsant, wenn einige Berichterstatter, die letztes Jahr nicht müde wurden, die tolle Statistik der WM-Qualifikation in den Himmel zu heben, nun vor Staunen kaum noch den Mund zu bekommen.

    Aber die Ergebnisse sprechen diesmal eine andere Sprache, weil vorne keine Tore fallen. Eines in fünf Spielen, dann noch ein Freistoß. Auch gegen Frankreich wäre der nicht gegebene Elfer an Birgit Prinz wieder nur eine Standardsituation gewesen. Darüber hinaus gab’s nur den Lattenschuss von Linda Bresonik. Vergleichbar mit dem Fernschuss von Sandrine Soubeyrand in der ersten Halbzeit. Wenn aber im Abschluss nichts gelingt, dann treten die spielerischen Schwächen offen zu Tage. Ich gebe Eurosport-Kommentator Itzel insofern Recht, dass die deutsche Mannschaft besser aufgetreten ist als im Norwegen-Spiel. Die Körpersprache und der Einsatz waren einem solchen Turnier diesmal angemessen. Nur sind das eigentlich Grundvoraussetzungen. Umso erschreckender doch, dass gegen Frankreich – wie das 0:4 gegen Dänemark zeigt, wahrlich keine Übermannschaft – dennoch nichts Zählbares gelang.

    Es ist tatsächlich so, die Aufstellung gleicht derzeit ein wenig einer Wundertüte. Fast immer wird die Mannschaft auf drei, vier oder sogar fünf Positionen verändert, teilweise sogar das Spielsystem gewechselt. Nicht nur heute hatte ich deshalb den Eindruck, dass die Spielerinnen mit ständigen Positionswechseln und viel Laufbereitschaft ein fehlendes taktisches Konzept und offensichtlich nicht vorhandene oder nicht umsetzbare einstudierte Spielzüge zu kompensieren versuchen. Das aber ist enorm kraftaufwändig und kann bei dem Eindruck, den die Mannschaft derzeit konditionell macht, nicht gut gehen bzw. erhöht den Druck doppelt, wenn kein Tor fällt. Denn nach gut 60 Minuten geht die Puste aus, und sechs Mal wechseln geht auch nur noch jetzt in Portugal.

    Manche mögen einwenden, dass es doch ganz normal ist, bei einem solchen Turnier zu testen und dass das die anderen Mannschaften auch so machen. Alles richtig, aber wir befinden uns sechs Monate vor der WM, und ich kann im deutschen Team nicht mal ein stabiles Gerüst erkennen, um das herum Varianten und Alternativen ausprobiert werden können. Wer ist denn schon gesetzt? Im Tor Rottenberg/Angerer, dann Hingst, Stegemann, Lingor, Garefrekes und Prinz. Alle anderen Plätze scheinen mir vakant. Unklar ist auch noch, ob mit drei Spitzen, einer hängenden Spitze Prinz, zwei „Sechsern“ im Mittelfeld oder einer „Sechs“ und einer „Zehn“ gespielt werden soll. Nach dem Algarve Cup trifft die Natio aber nur noch in der EM-Qualifikation auf Gegner, die nicht zur Weltspitze gehören. Die Niederlande sind als 18. der Weltrangliste noch das stärkste Team. Das Vier-Nationen-Turnier wurde nicht als ernsthafter sportlicher Test genutzt und es fehlenTestspiele, wie sie beispielsweise Norwegen vereinbart hat. Die testen nämlich noch im Mai gegen China und im Sommer gegen die USA und Kanada. Wann soll sich die Mannschaft, die dann bei der WM auf höchstem Niveau Leistung abrufen muss, denn noch vernünftig einspielen? Ich glaube wirklich, dass es nun fünf vor zwölf ist.

    (0)
  • alfie sagt:

    Ich bin sehr froh, dass die deutsche Übermacht im Frauenfußball endlich mal einen kleinen Dämpfer erhalten hat.

    Erstens sorgen die zwei Niederlagen des Ensembles von Bundestrainerin Sylvia Neid im Rahmen des UEFA Algarve-Pokals dafür, dass die weltweite Konkurrenz endlich wieder mit weniger Ehrfurcht vor dem amtierenden Welt- und Europameister auftritt und damit hoffentlich wieder mehr Nationen mit berechtigten Ambitionen und entsprechendem Selbstvertrauen zur WM nach China fahren. Und zweitens ist die aktuelle Flaute ein Signal für all jene zu schnell zu Hoffnungsträgern avancierten deutschen Talente, den etablierten und erfolgsverwöhnten Stars vom 1. FFC Frankfurt und von Turbine Potsdam den Kampf um die Stammplätze im DFB-Dress anzusagen.

    Für den deutschen Frauenfußball kann diese Entwicklung nur gut sein, denn die nächste Generation muss allmählich den Durchbruch schaffen!

    (0)
  • Markus Juchem sagt:

    @Tom

    Überlegenheit ist aber relativ, wenn man daraus keine Chancen erarbeitet. Dann hat man es am Ende auch nicht verdient zu gewinnen, auch wenn man mehr Ballbesitz und optische Vorteile hatte.

    Dass die Eingespieltheit fehlt, ist sicherlich ein Teilaspekt, erklärt aber auch nicht alles. Z. B. bildeten Prinz und Smisek ja auch beim 5:1 gegen England das Sturmduo und auch sonst war die Startformation ja nicht gerade auf zehn Positionen eine andere.

    Aber momentan ist die Ratlosigkeit allgemein recht groß. Vielleicht sind die kommenden Spiele nach dem Algarve Cup gegen etwas schwächere Gegner gerade recht, um das angekratzte Selbstvertrauen wieder aufzubauen.

    Ich gebe Dir Recht – eine Stammformation sollte sich wirklich langsam herauskristallisieren.

    (0)
  • @alfie

    In einem Punkt kann ich Dir ausdrücklich zustimmen. Was Markus mit „Den Respekt der anderen nicht verlieren“ überschrieben hat, kann mit Blick auf die Entwicklung des Frauenfußballs weltweit seine positiven Seiten haben. Auch mir ging es oft schon so, dass ich das spielerische Potenzial der deutschen Gegner oftmals nicht ausgeschöpft sah, weil die Mannschaften sich ehrfurchtsvoll zurückgehalten und sich den Erfolg nicht zugetraut haben. Wenn diese Hemmschwelle wegbricht und Siege bei Spielen mit deutscher Beteiligung nicht mehr vorprogrammiert sind, bin auch ich davon überzeugt, dass das dem Interesse am Frauenfußball zugute kommt. Oder habt Ihr noch die den Kommentar „die gewinnen ja eh immer“ zu Ohren bekommen?

    Gleichwohl gilt es natürlich, bei allen positiven Aspekte von spannenderen Spielen, seine Spitzenposition zu behaupten, damit die Tür, die der Frauenfußball beim DFB mittlerweile recht weit aufgeschlagen hat, mindestens so weit offen bleibt wie derzeit.

    (0)