WM 2011: Fünf Konkurrenten gilt es auszustechen

Von am 5. März 2007 – 22.20 Uhr

Schon vor ein paar Wochen haben wir uns ja erste Gedanken gemacht, wie Deutschlands Chancen um die Ausrichtung der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 stehen. Inzwischen weiß man, dass neben Deutschland fünf weitere Länder (Australien, Frankreich, Kanada, Peru, Schweiz) ihr Interesse als Ausrichter bei der FIFA bekundet haben.

Hannelore Ratzeburg, Vorsitzende des Frauenfußball-Ausschusses im DFB-Vorstand und Mitglied des deutschen Bewerbungskomitees, freut sich im lesenswerten Interview mit der DFB-Website: „Dass es so viele Bewerber gibt, ist erst einmal ein tolles Zeichen für den Frauenfußball. Der Weltfußball hat erkannt, dass die Frauen-WM ein hochattraktives Turnier darstellt.“

Doch erst am 3. Mai (Einsendeschluss für die Bewerbungsvereinbarung) und am 1. August (Einreichen der definitiven Bewerbung) wird man sehen, ob es wirklich alle sechs Nationen ernst meinen mit ihren Plänen. Womensoccer.de beurteilt dennoch schon heute einmal die Chancen der sechs Kandidaten.

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Deutschland: Mit einer aufwändigen Veranstaltung in Berlin und einer an einigen Stellen übertriebenen, aber dennoch beeindruckenden 39-seitigen Broschüre hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Unter dem Motto „Wiedersehen bei Freunden“ versucht man auf die erfolgreiche Männer-WM 2006 aufzubauen. Der Frauenfußball im Land hat in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung genommen. Dass Deutschland eine Frauen-WM organisatorisch stemmen kann, bezweifelt niemand, auch finanziell dürfte eine WM ein Erfolg werden. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass Deutschland auch im Falle einer Aufstockung des Teilnehmerfeldes von 16 auf 24 Mannschaften sowohl über ausreichend Stadien als auch die notwendige Infrastruktur verfügt. Im Bewerbungskomitee geht man zudem „kühn davon aus“, dass Europa nach 1995 in Schweden endlich wieder einmal am Zug ist. Gegen Deutschland spricht mit Sicherheit, dass es gleich drei Bewerber aus Europa gibt, wovon Konkurrenten anderer Kontinentalverbände profitieren könnten.

Unser Fazit: Deutschland ist Topfavorit auf die WM-Ausrichtung 2011.

Frankreich: Vor eineinhalb Jahren bekundete Frankreich erstmals sein Interesse an der Ausrichtung der WM 2011. Lange Zeit herrschte Uneinigkeit im Verband, doch Verbandspräsident Jean-Pierre Escalettes bekräftigte vor wenigen Tagen noch einmal: „Wir müssen den Frauenfußball voranbringen und das ist eine Chance für seine Förderung in Frankreich.“ Dass Frankreich ein Turnier dieser Größenordnung problemlos ausrichten kann, weiß man spätestens seit der Männer-WM 1998. Zudem könnte der neue UEFA-Präsident Michel Platini, der sich bisher über seine Einstellung zum Frauenfußball noch nicht öffentlich geäußert hat, Werbung im nationalen Interesse betreiben. Ein Unsicherheitsfaktor könnte die entlassene französische Nationaltrainerin Elisabeth Loisel sein, die einen Sitz in der FIFA Frauenfußball-Kommission einnimmt. Die Kommission, in der auch Ratzeburg sitzt, hat gegenüber der FIFA-Exekutive ein Vorschlagsrecht. Negativ könnte sich für Frankreich ebenfalls auswirken, dass man die Teilnahme an der WM 2007 verpasst hat und bisher in der Öffentlichkeitsarbeit nicht gerade überzeugende Arbeit geleistet hat.

Unser Fazit: Frankreich hat gute Chancen, gehört aber nicht zu den Topfavoriten.

Schweiz: Der gerade bis 2009 in seinem Amt bestätigte Schweizer Verbandspräsident Ralph Zloczower hat bekräftigt, in seiner letzten Amtsperiode den Frauenfußball „in die Akzeptanz und den Erfolg treiben“ zu wollen. Unter diesem Gesichtspunkt ist die überraschende Bewerbung der Schweiz zu sehen, von der etwa selbst die Spielführerin der Schweizer Nationalmannschaft, Prisca Steinegger, vor der öffentlichen Bekanntgabe nichts wusste. Zloczower gilt als „Vater“ der Euro 2008 und holte schon 2002 die U-21-EM in die Schweiz. Zwar hat sich die Anzahl der gemeldeten Spielerinnen in der Schweiz in den vergangenen sechs Jahren auf 17.500 verdreifacht, große Akzeptanz genießt der Frauenfußball in der Schweiz bisher dennoch nicht. Zudem gehört die Schweiz nicht zu den Topnationen im Frauenfußball, sicherlich ein weiteres Manko. Denn ein Gastgeberland, dessen Scheitern bereits in der Gruppenphase nicht unwahrscheinlich wäre, würde nicht zum positiven Gesamteindruck eines derartigen Turniers beitragen. Da dürfte auch Zloczowers guter Draht zu FIFA-Präsident Sepp Blatter nicht helfen.

Unser Fazit: Die Schweiz hat nur sehr geringe Chancen.

Kanada: Bereits im Juni 2006 gab Kanada seine Absichtserklärung ab, die WM 2011 ausrichten zu wollen. Das Land galt bereits als Top-Favorit auf die Ausrichtung der WM 2007, doch die SARS-Epidemie brachte die Planungen durcheinander. Die WM wurde 2003 ersatzweise in den USA ausgetragen, China die WM 2007 zugesprochen. Zudem erhielt das Land in der Vergangenheit Fürsprache von höchster Stelle. So erklärte FIFA-Präsident Blatter bereits 2003, dass er einer kanadischen Bewerbung um die WM 2011 Wohlwollen entgegen bringen würde. Schon 2002 richtete das Land mit großem Erfolg die U-19-Weltmeisterschaft der Frauen aus. Auch Jack Warner, der mächtige CONCACAF-Präsident und FIFA-Vizepräsident, steht einer möglichen WM in Kanada logischerweise aufgeschlossen gegenüber. Zudem könnte Kanada als CONCACAF-Vertreter davon profitieren, dass sich gleich drei europäische Bewerber gegenseitig die Stimmen wegnehmen. Eine erfolgreiche U-20-WM der Männer, die im Juni und Juli 2007 in Kanada ausgetragen wird, könnte einer kanadischen Bewerbung weiteren Schwung verleihen.

Unser Fazit: Kanada ist Deutschlands schärfster Konkurrent bei der WM-Vergabe.

Peru: Die Bewerbung Perus um die Frauenfußball-Weltmeisterschaft kommt nicht so überraschend, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Der Frauenfußball im Land hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung genommen. So lagen die peruanischen Fußballfrauen in der Weltrangliste noch im September 2006 vor Südamerika-Meister Argentinien, inzwischen ist man etwas auf Platz 41 abgerutscht. 2005 richtete Peru erfolgreich die U-17-Weltmeisterschaft der Männer aus. Allerdings stieß man damals in Sachen Infrastruktur schon an die Grenze, als 16 Teams am Turnier teilnahmen. Für einen Wettbewerb mit möglicherweise 24 Mannschaften könnte das Land überfordert sein. Zudem genießt der Frauenfußball keine breite Akzeptanz in der Bevölkerung.

Unser Fazit: Peru hat nur sehr geringe Chancen.

Australien: Bei der Vergabe für die WM 2003 musste sich Australien als Zweitplatzierter nur knapp gegenüber China geschlagen geben. In Sachen Frauenfußball hat sich in Australien zudem in den vergangenen Jahren ebenfalls einiges bewegt, nicht wenige würden einer WM-Austragung auf dem fünften Kontinent positiv gegenüberstehen. Doch möglicherweise kommt die WM 2011 für Australien noch vier Jahre zu früh, 2015 könnten die Chancen besser stehen, denn zwei Dinge sprechen gegen Australien: der Wechsel in die asiatische Fußball-Konföderation AFC, die es unwahrscheinlich macht, dass nach China ein zweites AFC-Land hintereinander die WM ausrichtet. Und auch wenn man Australien wohlwollend immer noch Ozeanien zurechnet, sieht es nicht besser aus. Denn Neuseeland wird 2008 die erstmals ausgetragene U-17-Weltmeisterschaft der Frauen ausrichten. Zwei Frauenturniere innerhalb von drei Jahren in Ozeanien sind nicht sehr wahrscheinlich.

Unser Fazit: Australien hat nur Außenseiterchancen.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.