Quo vadis Turbine Potsdam?

Von am 28. Februar 2007 – 0.38 Uhr 3 Kommentare

Als neutraler Beobachter kommt man aus dem fassungslosen Staunen kaum mehr heraus, als Fan des 1. FFC Turbine Potsdam muss einem das Herz bluten. Immer wieder eine neue Hiobsbotschaft, folgt auf den einen Weggang der nächste. Gestern nun war es Ariane Hingst, die ihren Abschied von Turbine noch während der Rückrunde verkündete. Da es sie zum Start der schwedischen Liga zum schwedischen Vizemeister Djurgården zieht und ihr Vertrag dort am 1. April anläuft, muss der Double-Gewinner aus Brandenburg den Rest der Saison ohne seine Spielführerin auskommen.

Vor der Saison waren es Petra Wimbersky und Karolin Thomas gewesen, die der Mannschaft von Bernd Schröder den Rücken kehrten. Auch die Brasilianerin Cristiane kam beim amtierenden Deutschen Meister nicht wie erwünscht zur Entfaltung und ging nach Wolfsburg. In der Winterpause packte Nationalspielerin Britta Carlson ihre Sachen und folgte der Brasilianerin zu den Wölfinnen, Inken Becher zieht sich aus beruflichen Gründen zurück. Sicher, jeder Wechsel hat seine eigenen Gründe und es wäre falsch, alles über einen Kamm zu scheren.

Aber es wird langsam eng. Denn Turbine hat mit den Jugendnationalspielerinnen wie Juliane Höfler, Josephine Schlanke, den Kerschowski-Zwillingen oder der erst 18-jährigen A-Nationalspielerin Babett Peter sehr talentierte Kräfte mit guten Zukunftsaussichten in seinen Reihen. Bernd Schröder weiß, wie man aus vielen unerfahrenen, jungen Akteurinnen mit akribischer und geduldiger Arbeit eine schlagfertige Truppe bastelt. Das hat er bewiesen und daran zweifelt keiner.

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Nur fallen den Potsdamerinnen so langsam die wichtigen Stützen weg, die den Talenten ihre Erfahrung weitergeben und ihnen den Druck von den Schultern nehmen können. Ein Wiederaufbau wird so nicht leichter. Zudem steht zu befürchten, dass der Weggang von Hingst, der aus Sicht der 27-Jährigen absolut nachvollziehbar und ihr zu gönnen ist, noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet. An kürzlich aufgekommenen Spekulationen, auch Nationalstürmerin Conny Pohlers müsse nur noch entscheiden, wohin sie Potsdam verlasse, wollen wir uns nicht beteiligen. Doch das Interesse der „Turbine -Filiale“ VfL Wolfsburg an den Auswahspielerinnen Navina Omilade und Jennifer Zietz hat Coach Schröder gegenüber der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung, wie diese am Freitag berichtete, bereits bestätigt. Eine Entscheidung soll bis Ende März fallen.

„Wir werden um keine Spielerin betteln. Wer nicht weiß, was er an Turbine hat, tut uns leid“, zitierte die Märkische Allgemeine den Turbine-Übungsleiter. Eine moralisch löbliche und nicht per se zu kritisierende Position. Aber wird das reichen, um die heftigst umworbenen Spitzenkräfte zu halten? Zweifel sind erlaubt. Gut möglich, dass die einst so erfolgreiche Mannschaft schneller auseinander bricht, als es gedauert hat, sie aufzubauen. Für den Frauenfußball in Potsdam und in Deutschland wäre das jedenfalls keine gute Nachricht.

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3 Kommentare »

  • Rene Kriest sagt:

    Früher oder später mußte es so kommen. Nicht nur das Geld lockt, auch attraktivere Standorte als der Osten.

    Den Kommentar des „Übungsleiters“ finde ich völlig daneben. Trotzig-beleidigt auf die Spielerinnen zu schimpfen ist nicht gerade prall.

    Grüße,

    René

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  • Auch Conny Pohlers hat sich nun für einen Abschied aus Potsdam entschieden. Sie wechselt zur neuen Saison zum 1. FFC Frankfurt
    http://ffc-turbine.de/newsmeldung.php?id=1930&w=i

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  • Jonny Johlers sagt:

    Von Außen lässt sich über die Gründe für die verpatzte Hinrunde nur schwer spekulieren. Es scheinen viele Faktoren zu wirken. Vorn Weg, wenn Conny Pohlers in der TAZ zitiert wird mit den Worten „alles außer Platz 3 wäre peinlich“ beschreib das die Situation ganz gut.

    Die Lücken zu Frankfurt und Duisburg wirken recht groß. Frankfurt regelt das Ganze seit acht Jahren mit der Brieftasche. Vergleiche hinken oft. Aber die Hessinnen sind nahe am Modell Bayern München bei den Männern. Das muss man neidlos anerkennen, denn geschenkt wurde dem 1.FFC Frankfurt nichts. Die Duisburgerinnen sind in einer ähnlichen Entwicklung wie Turbine zuvor. Mit vielen Talenten aus der Region und einigen routinierten Spielerinnen wuchs dort in den letzten Jahren ein hungriges Team.

    Am Hunger fehlte es Turbine zuletzt. Besonders nach dem frühen Verlassen der Pokalwettbewerbe war die Motivation der erfolgsverwöhnten Truppe in der Liga dahin. Die Liga- Platzierung spiegelt sicher nicht das Leistungsvermögen, sondern eher den Gemütszustand der Truppe wieder. Das Ariane Hingst den Verein zum 1. April verlässt passt da ins Bild. Sich im grauen Ligaalltag für das erreichen des 3. Platzes zu motivieren fällt nach dreijähriger Erfolgsserie mehr als schwer. Dabei noch jüngere Spielerinnen anzuleiten dürfte fast unmöglich sein. In Schweden erwartet sie praktisch ein Neustart mit großen Zielen. Mit Blick auf dem WM ist der Wechsel aus ihrer sicht mehr als nachvollziehbar. Für die bodenständige Potsdamer Spielführerin war die Entscheidung sicher nicht leicht.

    Einige Rätsel beleben die jüngste Geschichte des Vereins zusätzlich. Den Startschuss für die Fehlentwicklung des Vereins gaben einige Nationalspielerinnen die dem Verein den Rücken kehrten und mit dem Finger auf den Trainer zeigten. Was dafür hinter den Kulissen nötig ist, kann man sich kaum vorstellen.

    Die Neuverpflichtungen konnten die Lücken zu den Teams aus Duisburg und Frankfurt nicht schließen. Kameraj blieb stets hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht hilft es ihr, ein HSV- Trikot unter dem turbineblau zu tragen. Essi Sainio konnten vor der Saison nur absolute Kenner des Frauenfußballs beurteilen. Aber sie hätte schon einschlagen müssen wie eine Bombe, um die Lücken zu ihren Vorgängerinnen zu schließen. Von Neuzugängen aus den Schulkadern der Republik konnte man eigentlich nichts erwarten. Dafür ist die Liga zu stark. Selbst Riesentalent Mittag hatte Anfangs Mühe die Kluft zwischen Regional- und Bundesliga zu überwinden. Diese Transferpolitik wiegt doppelt schwer, wenn die direkte Konkurrenz statt Federn zu lassen, ausschließlich in den Potsdamer Reihen wildert.

    Ob der Etat dafür verantwortlich ist weiß nur der Verein. Große Sponsoren sind erkennbar nicht abgesprungen. Die Finanzen, zur Bildung einer schlagkräftigen Truppe, hätten eigentlich ausreichend sein müssen. Der Markt für Spitzenpersonal wird allerdings dünn, wenn hohe Funktionsträger des Vereins, DFB- Spielerinnen vergraulen und internationale Topleute zwar stets gehandelt, aber nie verpflichtet werden.

    Im Ergebnis droht Turbine innerhalb von sechs Monaten den Anschluss an Europas Spitze auf Jahre zu verspielen. Hingst, Becher, Omilade und Pohlers, die letzten „Erwachsenen“ kehren Potsdam den Rücken. Viele Fans und Sponsoren werden folgen.

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