Pulverfass Kanada

Von am 19. Februar 2007 – 22.58 Uhr

Gambit nennt man beim Schach eine Eröffnung, bei der aus taktischen Gründen eine Figur hergeschenkt wird. Kanadas norwegischer Frauenfußball-Trainer Even Pellerud hat gleich drei wertvolle Spielerinnen seines Kaders geopfert: Charmaine Hooper, Christine Latham und Sharolta Nonen.

Nach offizieller Sprachregelung des kanadischen Verbands (CSA) heißt es, die Spielerinnen seien suspendiert worden, weil sie die Teilnahme an zwei Testspielen gegen China im August 2006 verweigert hätten. Die Suspendierung wurde zwar angeblich bereits im November wieder aufgehoben (und seltsamerweise erst vor wenigen Tagen kommuniziert), im Nationaldress wird man die drei routinierten Spielerinnen aber wohl dennoch nicht mehr sehen.

In seiner kurzen Stellungnahme im Oktober 2006 hat der CSA sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen. So wurde nicht erwähnt, dass Hooper und Latham zehn Tage vor den beiden China-Spielen die finanzielle Unterstützung entzogen wurde. Als Begründung für die Streichung wurde angeführt, die beiden hätten nicht im vorgesehenen Zeitfenster ihr Ja für ein zweimonatiges Trainingslager in Vancouver gegeben. Die Spielerinnen erwiderten hingegen, sie hätten nur einige Detailfragen im Vorfeld geklärt wissen wollen (Hintergründe). Nonen wurde für ihre Solidarität mit den beiden Spielerinnen ebenfalls mit dem Rausschmiss aus dem Team bedacht. Bis heute wartet man leider vergeblich auf Stellungnahmen von CSA und Pellerud, die Licht in die Angelegenheit bringen könnten.

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Schwere Anschuldigung

Hooper und Co.  glauben, dass es in Wirklichkeit darum geht, die noch nicht in Vancouver lebenden Spielerinnen durch finanziellen Druck zu einem Umzug zu bewegen, damit sie dann für die Vancouver Whitecaps spielen. Anfang 2006 versprach deren millionschwerer Besitzer Greg Kerfoot, in den kommenden beiden Jahren dem Frauenfußball-Nationalteam rund 650.000 Euro zur Verfügung zu stellen. So erhalten 20 Nationalspielerinnen aus Kerfoots Vollzeitspieler-Programm jährlich jeweils rund 13.000 Euro.

Ein schönes Druckmittel, wie Pelleruds Mail an Latham vom 1. Februar 2006 andeutet, die vom angesehenen „The Globe and Mail“ abgedruckt wurde. Darin empfiehlt Pellerud der Spielerin nicht nur einen Vertragsbruch und den Wechsel nach Vancouver, sondern droht auch offen mit dem Entzug der Förderung.

Kompromissloser Pellerud

Seit Kerfoot versprochen hat, Millionen in das Team zu pumpen, sieht Pellerud die große Chance, dass er mit seinem Team die Großen der Zunft mehr als nur ärgern kann. Mit nahezu diktatorischer Hand versucht er sein Team auf das Ziel WM-Titel 2007 und Olympiasieg 2008  einzuschwören. Jede Spielerin, die sich nicht kritiklos in die Planungen fügt, wird abserviert. Doch auch Hoopers und Lathams Einbindung der Medien ist kritikwürdig, der Mangel an interner Kommunikation offensichtlich.

Bei aller Freude über Kerfoots private finanzielle Unterstützung der Frauenfußball-Nationalmannschaft, hat es der CSA versäumt, sich über das mögliche Konfliktpotenzial von Kerfoots Doppelrolle als Vereinsbesitzer und Förderer der Frauenfußball-Nationalmannschaft Gedanken zu machen. Dass Pellerud zudem in einem mehr als vier Millionen Euro teuren Haus wohnt, das er pikanterweise von Kerfoot angeblich zu Marktkonditionen gemietet hat, spricht ebenfalls Bände.

Streit eskaliert

Im Juli war der Zwist zwischen Pellerud und Hooper eskaliert. So bestand Pellerud auf die Anwesenheit Hoopers und Karine LeBlancs bei Kanadas Testspiel gegen die USA, obwohl zeitgleich deren Verein New Jersey Wildcats das Halbfinale der W-League gegen Ottawa Fury bestritt. Vier Ottawa-Spielerinnen erteilte Pellerud hingegen die Freigabe. Das Ende vom Lied: Der Außenseiter aus Ottawa gewann, im Finale hatten die Vancouver Whitecaps dann ihrerseits wenig Mühe mit dem leichteren Gegner. Eine mehr als fragwürdige Vorgehensweise, die sich mit dem Wort Wettbewerbsverzerrung gut umschreiben lässt.

Auch ohne die drei suspendierten Spielerinnen zeigte Kanada in den vergangenen Monaten gute Leistungen, die Spielerinnen stehen öffentlich hinter Pellerud, um die eigenen Fördermittel und den Platz im Kader nicht zu gefährden. Doch das Gebilde ruht auf wackligen Füßen. Sollte der Erfolg bei der WM ausbleiben, dürfte das Pulverfass explodieren und die Tage von Pellerud könnten bald gezählt sein.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.